Gemälde in Bild und Wort

Hebell-Klein-17Titel:
Die Jagd nach dem Modell

Maße:
47 cm x 64  cm

Ort / Datum :
Berlin 2012

Material Bild / Rahmen:

Öl auf Zeitung  und Fotokarton, auf Holzrahmen gezogen.

Beschreibung:

Jedes Bild hat seine Geschichte. Dieses bietet nur einen Abklatsch dessen,was der Maler ursprünglich anstrebte. Die hohe Schule der Mode, die der so genannten Supermodels, bekommt der Sterbliche selten zu Gesicht, geschweige auf die Leinwand. Er musste das allerdings erst mühsam lernen.

Mit den hochdotierten Models  verhält es  sich so, dass sie zwar freundlich sind, aber nicht begreifen, warum sie vor einem Mann mit einem Pinsel stundenlang stillsitzen sollten, wenn sie in ein paar Minuten auf  dem Laufsteg einige Tausend Dollar verdienen. Der Maler wusste andererseits, dass es die Supermodels waren, die auf Grund ihrer Ästhetik ein Höchstmaß an Konzentration und Intensität erforderten. Dies betraf nicht nur den Akt des Malens, sondern auch die Jagd nach dem Portrait an sich.

So hatte er in den Medien des Internets nach langem Herumsuchen etwas entdeckt,von dem er nicht angenommen hatte, dass es existieren könnte: Surusa. Er betrachtete ihre Auftritte auf dem Catwalk wieder und wieder und faltete die Hände, wenn er sie nur erblickte. Mit ihrem Gesicht mit dem Charme einer zerquälten Madonna war sie so unglaublich ästhetisch,vielgestaltig und wandelbar, dass man meinte, hundert Personen in einer vor sich zu haben. Sie war die schönste Frau aller Zeiten!

Bei ihrem Anblick wusste er: Hier wartet das Werk der Werke. Ohne zu zögern brach er mit seinen Utensilien nach New York auf, um Surusa begegnen zu können. Tagelang trieb er sich in der Nähe  ihrer Wohnung herum, die in einem etwa neunstöckigen Gebäude lag. Als er ihr auf der Straße begegnete, lief er zuerst an ihr  vorbei, so sehr unterschieden sich ihre gestylten Auftritte vor Publikum von ihrer alltäglichen Erscheinung.

Dann kam die Erleuchtung. Er hastete ihr nach und trug sein Anliegen vor. Sie war nicht grundsätzlich abgeneigt, hatte aber selbstverständlich keine Zeit. Ihre Termine waren dicht gedrängt. Sie war ein  Supermodel. Sie verdiente Geld. Ein paar Tage vergingen.

Als er an einem Sonnabendnachmittag in dem relativ menschenarmen Viertel, wo ihre Wohnung lag, zu ihrem Balkon hinaufschaute, sah er sie oben stehen. Es schien ihr nicht gut zu gehen, sie sah gehetzt aus.

Er wandte kurz den Blick ab, um sein Fernglas aus dem Rucksack zu kramen. Als er wieder hinaufschaute, war sie verschwunden. Das Nächste, was er hörte, war ein dumpfes Geräusch, wie wenn ein Körper auf dem Boden aufschlägt. Dann hörte er die Rufe von Passanten, die sich um ein bräunliches Etwas versammelten, das in einiger Entfernung auf dem Boden auf lag und sich nicht rührte. Der Wind blies ein Stück Tuch empor und  er sah ihr Gesicht

 

Surusa, Fashion Week , New York:

1

Der Junge hatte ihn gefragt, ob er ihm mit nem Dollar helfen könne. Can you spare me buck?- hieß die Formel. Der Maler hatte ihm einen halben Dollar gegeben, den er von seinem letzten Einkauf in der Tasche hatte. Von da an war der Junge ihm gefolgt. Manchmal ein paar Schritte hinter ihm, manchmal weiter weg. Nachdem er seinen Koffer in der Unterkunft abgegeben und dort zwei Tage im Voraus bezahlt hatte, war er sofort in die Gegend gegangen, wo der Apartmentblock mit ihrer Wohnung lag. Es war eine unwirtliche Gegend im Financial District mit chaotisch gestaffelten Wohnblocks und Hochhäusern, die vorsprangen, zurücksprangen und wieder vorsprangen. Die Bau­struktur war ohne Regel, die Straßen ein mechanisches Raster, über die die Motorisierung schnurrte. Flohmärkte quollen aus den Läden, antikes Gerümpel, das auf die Straße floss. Der Maler postierte sich gegenüber dem Block, der den Beschreibungen entsprach, die er in detektivischer Detailarbeit herausgefunden hatte. Er war müde von der Reise. Der Jumbo hatte sich so mühsam die Höhe gearbeitet wie ein mit Wasser vollgesogenes Kissen. Die Passagiere wanderten in Scharen durch die Gänge, tranken Saft und mussten auf die Toilette. Von dem Whopper, den er gegessen hatte, kündigte sich ein Sodbrennen an. Zwei Drittel der Portion hatte er entsorgt, die Mägen Amerikas mussten seit seinem letzten Aufenthalt an Größe zugelegt haben. Der Verkehr, der anschwoll, abschwoll und vorbeiquoll, schwängerte die Luft. Sein Unternehmen kam ihm jetzt schon schwer verständlich vor.

Der Junge hatte sich weiter hinten auf den Boden gesetzt. Der Maler hatte ihn vergessen. Ihr Haus war ein Apartmentblock, eingezwängt zwischen zwei Blocks, die grau und imposant in die Höhe schossen. Ihr genaues Stockwerk hatte er nicht heraus gekriegt. Der Maler studierte die Fenster. Gardinen schienen Mangelware in New York zu sein. Vermutlich waren die Sichtblenden Jalousien, die meisten Fenster waren schwarze oder graue Löcher. Nirgends war eine Bewegung zu sehen. Vielleicht standen viele dieser Kästen leer. Es gab ein weiteres Problem: Die Models waren durch das Zurechtmachen für die Show auf der Straße kaum wieder zu erkennen. Nach der Kostümierung und dem Schminken folgte der umgekehrte Prozess.

Der Maler musste sich auf seine Intuition verlassen und die Passantinnen, einzeln durchmustern, wenn er mit ihr Kontakt aufnehmen wollte. Noch komplizierter wurde alles, wenn er sich überlegte, ob sie sich für eine Zeichnung oder ein Porträt die Zeit nehmen würde. Sie war ein Supermodel! Ihre Zeit war knapp. Das Porträt war außerdem so gründlich aus der Mode, dass schon der Begriff sich obsolet anhörte. Das einzige Gesicht, das in den Bergen physiognomischer Nacktheit noch einen Schein von Sichtbarkeit besaß, war ihres. Er wusste, dass sie manchmal eine Mütze trug.

Er beobachte er die Passanten auf der anderen Straßenseite. Drüben verließ jemand das Haus. Der Maler setzte sein Fernglas an, das er an einem Band um den Hals trug, und nahm die Figur ins Visier. Dem Aussehen nach konnte der Mann ein Russe sein. Er schätzte ihn auf etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahre. War das vielleicht ihr Freund? Er hatte ihn auf einem Foto gesehen und fand ihn unangemessen. Der Mann trug eine schwarzbraune Lederjacke. Die Zigarette, die er rauchte, konnte ein Joint sein.

Are you a detective, dad? Der Junge war auf einmal dicht hinter ihm. Der Maler fuhr herum. Er ging ihm jetzt gewaltig auf die Nerven. Mehrfach hatte er klargestellt, dass er in Ruhe gelassen werden wollte. Go home,- sagte er mit unterdrückter Wut. You looking for someone?- fragte der Junge. Piss off!- rief der Maler. Der Junge sah ihn an. Der Maler versuchte zu lächeln. Wie wurde er den Typen wieder los? Seine Ungeduld wuchs, als der Junge weitermachte. Here for business?- fragte er als nächstes, als rede er mit einem Analphabeten. Fashion Week,- sagte der Maler und bereute sofort, dass er die Auskunft gegeben hatte. Fashion..,- sagte der Junge. Thank you und good, buy!- Fashion,- wiederholte der Junge. Jau,jau- sagte der Maler und sah auf die andere Straßenseite. Fashion week from Mercedeees?- Now you go home.-

I know fashion.”- Der Maler sah den Jungen an. Möglicherweise stimmte bei ihm etwas nicht. Seine Kopfform erinnerte an die eines Vogels aus der Messeler Fossiliengrube. Seine Haut changierte zwischen schneeweiß und Pink, die untere Partie seines Gesichts war von irgendeiner Hautkrankheit bedeckt, das Haar hing ihm in Fransen in die Stirn. Auf seinen Augäpfeln führten die Pupillen ein Eigenleben und rutschten hin und her, als fänden sie keinen Halt. Er trug eine grünblaues Turnoutfit und eine Baseballkappe mit einem unleserlichen Aufdruck. Er schmunzelte nur mit dem Mund. Die Ursache dafür konnte der Maler nicht erkennen. I show you.- Show What?- First you give me one dollar. – Piss off!- schimpfte der Maler, er hatte jetzt endgültig genug.

Drüben näherte sich ein Schwarm von Passanten. Der Takt der Ampeln, die über der nächsten Kreuzung baumelten, wusch ihn heran, zerstreute ihn und lockerte ihn weiter auf. Der Maler überquerte die Straße im Laufschritt. Er hörte Bremsen quietschen und spürte einen Stoß an seiner rechten Hacke. Ein SUV, ein Ungetüm in pechschwarzem Hochglanz, kam dicht neben ihm zu stehen. Der Mann hinter der Windschutzscheibe, steckte den Kopf aus dem Fenster und schüttelte ihn langsam. Are you okey, you idiot?- fragte er. Die anderen fuhren links und rechts davon. Der Fahrer machte Miene auszusteigen, überlegte es sich aber und gab Gas. Der Junge rief etwas vom Gehweg. Jedenfalls musste dies die Zeit sein, in der sie ihr Apartment aufsuchte. Gab es eine bessere Möglichkeit, sie zu treffen? Die Shows der Fashion Week waren auch noch zu besuchen. Da standen seine Chancen besser.

Der Pulk der Damen hatte sich zerstreut. Der Maler versuchte, sie einzuholen. Er lief so schnell er konnte hinter ihnen her. Eine war eine Blondine. Mit großen Schritten strebte sie dahin. Sie trug ein eine Art Cocktailkleid mit einem grellbunten Paisleymuster, das im Rhythmus ihrer Schritte hin und her schwang. Ihr Haupthaar gondelte wie eine Gloriole um ihren Kopf. Im Näherkommen hielt er sich dicht hinter ihr. Rasante Eleganz! Da er sich für Mode interessierte und sich in Grenzen für einen Experten hielt, glaubte er zu erkennen, dass das Material aus Kaschmir-Lamé bestand, ein ziemlich teurer Stoff. Am liebsten hätte er ihn angefasst. Er war schon kurz davor. Erstaunt blieb er stehen. Da kam auch schon die nächste. Erwartungsvoll sah er ihr entgegen. Sie trug einen afghanischen Schaffellmantel, vermutlich eine Imitation, in sommerleichter Form mit falschem Pelzbesatz, einen Mini-Patchwork-Rock, auf dem Kopf eine Baskenmütze und mit farbigen Motiven bestickte Stiefel.

S i e war es jedenfalls nicht. Die nächsten Damen waren guter Durchschnitt, sie waren korpulent, der Schwerpunkt lag unten in der Beckengegend und brachte ihren Gang ins Schaukeln. Eine trug königsblaue Shorts und darunter eine Strumpfhose mit Luftlöchern. Dann kamen eng tallierte Jacken, offenbar Business Look, dem er vorher auf dem Broadway schon begegnet war. Eine Ältere mit bronziertem Teint trug Bubikopf. Er passte nicht zu ihrem Altersblick und ihren Krähenfüßen. Die männlichen Personen waren zu vernachlässigen. Der Maler sah sich um.

Your Rucksack,- sagte der Junge. Der Maler nahm den Rucksack in Empfang, den er vergessen hatte.. One Dollar.- Der Maler wollte aus der Haut fahren, besann sich aber, weil es unamerikanisch war, holte ein paar Cent aus der Tasche und gab sie dem Jungen ohne hinzusehen. Der Junge war noch nicht zufrieden. Also gab der Maler ihm noch mehr. Der Junge zählte nach. Zehn Cent fehlten an der Summe. Fluchend legte der Maler nach. Da hinten kam schon der nächste Pulk, es waren Afroamerikanerinnen.

Die Prozedur des Über-die Straße-Laufens wiederholte sich im Lauf des Nachmittags etliche Male. Der Verkehr wurde dichter, je näher die Stoßzeit rückte. Direkt vor ihrem Haus zu warten, schien ihm zu aufdringlich. Später wechselte er doch die Straßenseite. Die Zeit verging, es wurde Abend. Hinter den Wolkenkratzern verschwand die Sonne von New York. Das Chrysler Building, das irgendwo immer zu sehen war, glänzte mit seinem Art-Déco-Vortex im späten Dunst. Im Straßenstaub verfärbte sich die Luft von Ocker zu Grünblaulilaviolett, die Dunkelheit sank in die Straßenschluchten.

I know someone….,-sagte der Junge und holte eine Brüste aus seiner Umhängetasche. Er vollführte die entsprechenden Bewegungen und sah dem Maler auf die Schuhe. Schon hockte er sich auf den Boden. Am liebsten hätte er dem Jungen einen Tritt versetzt. Quark and shit!- Der Junge ließ sich nicht beeindrucken. Vielmehr setzte er zu einer längeren Erklärung an. Der Maler blickte auf die andere Straßenseite. Erneut waren Damen in Sicht. In New York gingen die Lichter an.

Der Maler stieß die Bürste des Jungen beiseite. Sie rutschte ein paar Meter quer über den Gehweg. Wieder neue Damen. Sie waren in der Dämmerung nur noch schwer zu erkennen. Wenn er ihnen zu nahe kam und ihnen ins Gesicht zu blicken versuchte, fühlten sie sich womöglich unsittlich bedrängt. Im Näherkommen wurde klar, dass sie auch diesmal nicht darunter war. Dann kamen Dickliche in roten Overalls in Sicht. One Dollar for the shoeshine-, sagte der Junge. Verdammt, wo bin ich?- fragte sich der Maler, ist diese Stadt ein Zoo? Spielen wir Holden Caulfield? Er gab ihm einen halben Dollar. Und jetzt hau ab,- schnauzte er und richtete den Blick auf die andere Straßenseite, auf der sich von der Kreuzung her wieder eine Anzahl von Passanten näherte, darunter weibliche.

2

Die Unterkunft lag in der Nähe des Union Square, sie war von außen nicht als Herberge oder Pension zu erkennen. Die Häuserzeile, zu der sie gehörte, würde nicht mehr lange stehen. In New York wird alle zwei Wochen ein Wolkenkratzer hochgezogen, alles andere verschwindet. Es gab nur einen Klingelknopf, unter dem kein Name stand. Dort hatte man ihm bedeutet, solle er klingeln. Hinter der Eingangstür neben dem Tresen, wo man sich anmeldete, öffnete sich ein schlauchartiger Korridor. Kleine und größere Zimmer zweigten links und rechts davon ab mit jeweils acht oder zehn Bettstätten. Sie hatten zwei Stockwerke. Der Maler packte ein paar Sachen aus, eigene Schränke gab es für die Gäste nicht. Das Meiste ließ er im Koffer, den man zuklappen konnte. Eine Afroamerikanerin stieg später auf das Bett neben dem Eingang.

Den richtigen Begriff für seine Schlaflosigkeit hatte er noch nicht gefunden. Es war unschöner als Insomnia, wenn das Wort überhaupt etwas bedeutete. Um Kommunikation zu vermeiden, gibt es das das Smartphone, dachte er im Halbschlaf, in dem die Nacht sich hinziehen würde. Noch immer sagte er in seinem Vorbewusstsein den Satz zu Ende, den er damals angefangen hatte. Wie lange war das her? Die Residuen eines Lächelns hingen als unsichtbare Fetzen noch irgendwo in seiner Physiognomie, -vielleicht im Augenwasser- mit der er damals die Erklärung eingeleitet hatte. Ein Abgrund an Zeit, in dem er nach und nach versank. Er lag jetzt auf dem Grund. Im Halbschlaf sah er einen Himmel, den er träumte. Den Anfang hatte die Erinnerung fast völlig überwuchert. Sein Gehirn entwickelte Probleme, die es früher nicht gegeben hatte. Es schien nicht mehr in der Lage, das Zeitmaß so zu ordnen, dass eine Kontinuität entstand, in der sich eine biografische Verhältnismäßigkeit entwickelte.

Lag es drei, fünf oder sieben Jahre zurück? Die Schrift, des Briefes, den er immer wieder anfing, ohne ihn zu beenden, verlor sich in der Dunkelheit, aus der sie jederzeit wieder auftauchen konnte. Er zerriss ihn, warf ihn in die Ecke, schrieb ihn neu, zerriss ihn, warf ihn in die Ecke. War jetzt noch Antwort zu erwarten? Hatte ihre Physiognomie nicht Ähnlichkeit mit einer prominenten Schlampe? Er würde möglicherweise im Halbschlaf sprechen. Aber da sprach er nicht Englisch. Also würden seine Zimmergenossen nichts verstehen. Der Jugendliche auf der Lage über ihm, war ein Franzose. Er las ein Buch über den Löwen von Pandschir. In den Synapsen seines Hirns lagerte der Text des Briefs von damals in Dutzenden von Varianten. Wenn er den Song im Radio hörte, das er nachts am Ohr hatte, sah er sie vor sich: Jessie you can always….“ Er bog um eine Ecke auf dem Globus und sah sie auf der Treppe dieses Trailers sitzen und ins Weite starren.

Man sah den Saum ihres Kleides. Ihre Kommunikation hatte sich erschöpft. Je länger er ihren Konservatismus erlebte, desto häufiger dachte er an den Baum, der am Kopf der Grabstelle wuchs, die er vor kurzem gekauft hatte.

Er hatte geglaubt, dass man dort bleiben könnte, aber die Verwaltung hatte klar gestellt, dass nach dreißig Jahren auch dort alles abtransportiert würde, der Teufel wusste wohin. Neudeutsch hieß das Despair. In der Traumdeutung des großen Psychologen fehlte etwas Wesentliches: der Mann hatte die weiblichen Figuren ausgelassen oder besser gesagt, verdrängt, die in seinen Träumen aufgetaucht sein mussten, ihre Gesichter dicht vor seines hielten, dabei auf ihre Mösen zeigten und die, wenn er sich anschickte zu handeln, ins Nichts verschwanden. Sein ästhetischer Fimmel! Wie anders wäre er sonst nach New York gereist –sechstausend Kilometer über einen Ozean, der große Schiffe verschluckte.

„Sein“ Model war ein Mädchen, keine Frau. Ihre Herkunft aus dem hintersten Kirgisistan oder wie die Länder ließen, war merkwürdig. In einem Flugzeug war sie, wie es hieß, entdeckt worden, von einer Modeagentin auf einem Foto in irgendeinem Prospekt. Jemand schnarchte in der Unterkunft. Big Apple vier Uhr nachts. Es herrschte Totenstille. Schlief New York also doch? Er hatte wie ein Wasserfall geredet, ihr erzählt, was er alles ausprobiert hatte. Die Selbstausbeutung, die in manchen Kasten an der Ordnung war, passte nicht zu seinem Lebensstil. Sie hatte zugehört und nur gestarrt. Er redete wie ein Wasserfall. Das war ein Fehler! Da waren ihre Augen. Das Lächeln, das er aufsetzte, als er in die Nähe der Erklärung kam, gehörte zu einer Mumie, die als Grimasse zum Vorschein kommen würde wenn man das Tuch wegnahm, unter dem die Balsamierung stattgefunden hatte. In seinem Schlaf schlug ein zweites Herz in einem toten Winkel, an dem er nicht herankam.

We can go to Mexiko..-. Noch eine Zeile aus dem Ohrwurm. Er sagte etwas, sein Mund ging auf und zu, offenbar sprach er im Halbschlaf. Von Zeit zu Zeit ertappte er sich, dass er den unvollständigen Satz von damals wiederholte, ihn verwarf und wieder formulierte. Der Franzose über ihm wälzte sich von einer Seite auf die andere. Sie hatten seinen Löwen mit einer frisierten Kamera erschossen. Vier Uhr nachts. So tell me all about it…- Unkas war da, sein Patenonkel. In einem Kanu paddelte er über den See und versank in der Mitte. Dann tauchte ein Schimpanse auf, der auf einer Starkstromleitung balancierte. Eine Pfütze voller Glühwürmchen schwamm im Dämmer, das Wasser lief durch sein Gehirn.

Jemand erschien im Kriechgang in der Tür der Unterkunft, Dreck an den Mokassins, die alten Wälder auf dem Kopf. Wildtöter trat auf die Lichtung. Eigentlich war er Amerikaner, obgleich er keine Ahnung hatte, was das war. Vielleicht waren alle Amerikaner. Sein Unternehmen hier war schlecht geplant. Er hatte sich Geld geliehen, ein Symptom seiner Krise. Die ganze Gegend oben bei den großen Seen war heute ein Vergnügungspark. Der Russe, der an dem Ort gekellnert hatte, schlief neben der Tür der Unterkunft. Er stammte aus Königsberg. Provider of the wind.

3

Am nächsten Vormittag beschloss er, sich zu den früheren Stationen der Factory fahren, zu lassen. Sie waren Vergangenheit, begraben unter den Abrissbirnen, die New York unaufhörlich demolierten, aber er brauchte ein Ritual, das ihn an sein Metier erinnerte, um sich nicht völlig nutzlos vorzukommen. Anschließend würde er sofort nach der Location suchen, in der die sie auf dem Laufsteg zu finden sein musste.

Edie Sedgewick und das ganze kunsthistorische Gerümpel. Der erste Taxifahrer hatte von Warhol oder Pop noch nie etwas gehört. Dem Zweiten war die ganze Richtung zuwider, er schwor auf Oldenburg und seine giant toothpaste, der Dritte kannte nur die letzte Adresse, seiner Ansicht nach das Decker Building und wollte ihn nur dorthin fahren. Der Vierte erklärte, Warhol sogar noch persönlich gekannt zu haben. Get in.- How much?- fragte der Maler. Yes or no?- war die Antwort. Der Maler fragte sich, was das bedeuten sollte. First place will be one- three- four-two Lexington ave-, oldest adress of Warhol´s silver factory.-

Der Maler überlegte. Der Fahrer sah o.k. aus. Das Taxi soweit auch. Es hatte eine facettenreiche Ausrüstung auf dem Armaturenbrett. First time in town?- No,- sagte der Maler. Second?-Third.- Okey, and off we are. First let´s have a look at your mint stock.- My what ?- fragte der Maler. Your mint stock,- wiederholte der Fahrer, ein Glatzkopf von schwer bestimmbarem Alter mit Spitzbart unterm Kinn und Nickelbrille. Er machte mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Zählens. Der Maler wollte aus dem Taxi, aber der Fahrer packte ihn beim Ärmel, indem er quer über die Rücklehne des Wagens langte. No bother, Sir, New York is cheap and people are expensive, off we are!- Bevor der Maler aus dem Taxi kam, gab der Fahrer Gas. Kurz darauf durchquerten sie die Lexington Avenue.

Remember Edie?- fragte der Fahrer durch den Rückspiegel. Poor little rich girl?- Der Maler bejahte. Aha, you are an expert.- Der Fahrer drehte sich kurz um und betrachtete seinen Kunden mit kommerzieller Sympathie. Das alles war jetzt Nostalgie und Kunstgeschichte. Die Bilder waren in alle Winde verstreut: Warhol einen Hamburger essend, Warhol, der seine Operationsnarben zeigte, Warhol, der die fotografische Pose einer Blondine mit Wasserstoffsuperfrisur, die sich als Siebdruck verewigen lassen wollte, ausprobierte, und sich dabei äußerst liebenswürdig benahm, Warhol und die Coca-Dosen, Warhol vor seinen Flowers, Warhol mit Frisur, Warhol ohne Sonnenbrille, Warhol mit, Warhol knipst Beuys, Warhol druckt den electric chair, Warhol und die Desaster-Serie, Warhol und Maotsetung, Warhol und die hunderttausend Marilyns, Warhol und die Suppendosen, Warhol und der Totenschädel, Warhol auf den Brillo-Kisten, Warhol und die Filme mit den Superstars der Factory, Warhol mit Edie Sedgewick, die kurz darauf hinüber war, Warhol und die Viertelstunde, Warhol auf der Messe, Warhol in Pöseldorf, Warhol in der Ausstellung mit Warhol, Warhol im Interview , Warhol im Kino, Warhols Haus in Dingsda, Warhol als Da Vinci­Imitator, Warhol und Friedrich der Große, Warhol in der Kirche, Warhol ohne Ende!

Die Lexington ist keine gemütliche Straße. Eher eine Stadtautobahn mit Tempolimit wie die meisten Straßen der Stadt. Irgendwo kommt immer das Empire State in Sicht oder war es jetzt das Chrysler Building? Weiter hinten ein frei stehendes Hochhaus, das seltsam schräg in die Luft ragt. Mobilität! Fußgänger im Ampeltakt. Die europäischen Modelle sind in New York beliebter als die einheimischen. Der Fahrer fuhr öfter Slalom. An den Ampeln war er schneller als die anderen. Ziellos vor sich hin strebende Fußgänger, Hot Dogs in Karren aus Blech , aus denen Dampf quoll. Die üblichen Geschäfte, Läden und Bistros. Unvermittelt flachen die Hochhauten ab, das Straßenbild kippt ins neunzehnte Jahrhundert. Der Taxifahrer verlangsamt die Fahrt. Look here!- rief er wie in einem Werbespot. Der Maler kam aus einer Art von Wachtraum zu sich. Eingezwängt zwischen zwei Wohnhäuser war da die Nummer eins drei vier zwei, Lexington Avenue, die erste Factory des Pop. Der Fahrer hob zu einer Erklärung an.

Ein roter Backsteinbau mit kleinen Fenstern, verwittertes Symbol. First home of silver factory,- sagte der Fahrer, der diese Tour schon öfter gemacht haben musste. Andy´s town house here is worth nine million bucks these days. Famous prints were made here, such as…äh…- Want a closer look? Nee,- sagte der Maler, reicht schon.- It´s a luxury home now.- Die Gegend hatte sich verändert. Sie war jetzt Shopping, verzopft, und trotzdem unbezahlbar. Später sah er in einem Immobilienmagazin Abbildungen des umgebauten Interieurs. Die Architektur war protzig, die Küche erinnerte an eine Badeanstalt aus Marmor. Die karmesinroten Polstersessel des Living Room hatten eine Größe, die drei oder vier Leuten auf einmal Platz bot.

Der Maler überlegte, ob er sich noch weiter fahren lassen sollte. Es gab noch die Factory in zwei drei eins East siebenundvierzig. Dort hatte sie von 1963 bis 1967 logiert. Das Haus stand aber nicht mehr. Vielleicht war es deshalb von Interesse für die Tour. East two three one, forty-seven,- sagte der Maler. No good,- erklärte der Fahrer. Why?- Der Mann gab keine weitere Erklärung, statt dessen deklarierte er, den Kunden über seine Nickelbrille musternd: Next one wiil be: one five eight Madison Avenue, last location of Andy´s factory.- Will that be the last item of the tour?- Depends on you, Sir-, sagte der Fahrer. There is more. Small break by the way? Have coffee?- Nee,- sagte der Maler. So off we are to Madison one five eight, next to thirty-three.-

Die Madison Avenue ist nach dem vierten Präsidenten der USA benannt. Sie verläuft vom Madison Square nach Norden bis zur Madison Bridge. Die Parallelstraße ist die Park Ave. Die Madison Ave liegt Midtwown. Sie ist die Boutiquenstraße von New York. Hochhäuser wie Streichhölzer. Die Bäume wirken wie Fremdkörper, ihr Grün exotisch. Isaja, Hermès, Cartier, Armani , Dolce, Mara, Belanciaga, La Perla und so weiter. Mode und Design in allen Varianten, Must-haves für die Shopping Queen in grüngelb violetter Ausleuchtung.

Madison Ave improvement district,- sagte der Fahrer. Givenchy, Botega Veneta, Jäckchen auf Bügeln und Schuhe auf Böcken. Die Schaufenster waren offene Kleiderschränke. Der Fahrer bremste scharf. Da war die Straßenecke. Wo die Factory gewesen war, gähnte ein Loch. Links und rechts schossen rissige Wände mit ausgesparten Vierecken in die Höhe. Holy Grail,-rief der Fahrer. The building is gone!- Bauzäune versperrten den Gehsteig und die Sicht. Das Gemäuer der Abrisshäuser ließ an ein Kriegspanorama denken. Weiter vorn war ein Pub, von dem eine amerikanische Flagge auf die Straße hing, schlapp wie ein Trauerlappen. What next, Sir?- I want to get out.- Not yet,man,- rief der Mann, there is more. Last home of Warhol factory and best of all: death bed of pop.- Der Maler versuchte die Wagentür zu öffnen und mühte sich mit dem Griff ab. Der Fahrer gab schon wieder Gas. Aussteigen!- schrie der Maler. Seine Stimme klang belegt. Entweder hörte der Fahrer nichts oder er ignorierte den Kunden.

New York aus den Fenstern eines yellow cab: es trieb vorbei wie eine Wochenschau, der die Thematik ausgegangen ist. Der Fahrer bog um eine Ecke und um noch eine. Er fuhr jetzt schneller als vorher, offenbar überschritt er die Geschwindigkeitsbegrenzung. Der Kunde versuchte das Tempo auf dem Armaturenbrett zu lesen, kannte sich aber mit den amerikanischen Tachometern nicht aus. Die digitale Ausrüstung erinnerte an ein Raumfahrzeug. An einer Kreuzung hob ein farbiger Polizist den Arm. Der Fahrer bremste scharf und ließ das Fenster herunter. What´s the matter, chief?- Der Uniformierte blickte kurz in den Wagen. Der Fahrer machte eine Handbewegung und gab Gas.

Here we are: eight six zero, on Broadway, Sir, last studio of Warhol´s fac.- Das Haus war ein Eckgebäude im Stil der Art Nouveau. Offenbar modernisiert. In einiger Entfernung öffnete sich die Skyline auf drei Wolkenkratzer, die in einer oszillierenden Silhouette standen. Sie schimmerte wie im Dunst eines utopischen Dioramas. Der Fahrer zeigte auf das höchste Stockwerk des Gebäudes. No lift! And Warhol had been shot, he was a cripple, almost dead! Imagine!- Der Maler hörte nicht mehr zu.

Die Tour war schleunigst zu beenden. Er war froh, auf der Straße zu stehen. How much?- Er wollte unverzüglich zahlen. Rightio, Sir.- Der Fahrer kroch ins Cockpit, kam wieder zum Vorschein und erklärte: Two hundred ninety-one dollar und forty-six cent.- Der Maler fiel aus allen Wolken. What? Two hundred….what?-Two hundred ninety-one Dollar and forty-six Cent,- wiederholte der Fahrer und sah ihn mit einem breiten Lächeln an. Der Maler überlegte. Offenbar war dieser Mann ein Abzocker, der die Touristen ausnahm. Schon ließ er Zeichnen seiner Ungeduld erkennen. That can´t be. How much is one kilometer?-

Die ganze Fahrt hatte nicht länger als zwanzig Minuten gedauert. Vielleicht etwas mehr, aber nur Minuten. Die Summe riss ein Loch in sein Budget. Sollte er auf die bewusste Art das Weite suchen? Die Chancen, ob das funktionierte, waren unklar. Möglicherweise waren alle Taxis in New York stadtweit vernetzt. Man würde ihn erkennen, wenn er sich wieder auf der Straße blicken ließ. Vielleicht war er bereits getrackt und archiviert und alles, was er von sich gegeben hatte, irgendwo gespeichert. Niemals war diese Tour dreihundert Dollar wert. It´s a tourist package,- erklärte der Fahrer, no kilometer price.- Er schien seiner Sache sicher. Der Maler sah sich Hilfe suchend um. Links und rechts Passanten, die gerade aus guckten, wie es Passanten immer tun.

I haven´t got the money on me,- sagte der Maler. Then we will go to a cash mashine and you will draw it, n´est-ce pas?- Als nächstes gab der Maler an, keine Visakarte zu besitzen. Then we will call a cop and he will give you some advice!- erklärte der Fahrer, dessen Ton allmählich gröber wurde. Dem Maler wurde schwül zu Mute. Ihm fiel der Schlagersänger aus Europa ein, der wegen eines Missverständnisses die Nacht in eine New Yorker Gefängniszelle in der Gesellschaft von drei Schwerverbrechern verbracht hatte, weil gerade keine andere frei war. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er zog seinen Brustbeutel aus der Wäsche, holte hundert Dollar heraus, faltete die Scheine zusammen und händigte sie dem Fahrer aus. Anschließend lief er davon, so schnell er konnte, umrundete etliche Häuserecken, durchquerte eine Unterführung, überquerte Straßen, wo keine Ampeln waren, bis hinreichend Raum zwischen ihm und diesem Taxifahrer war und er im Gewühl der Passanten verschwand. Er zog er sein Käppi ins Gesicht und kehrte das Innere seiner Jacke nach außen. So teuer konnte diese Tour niemals gewesen sein.

Auf einem Flohmarkt kaufte er sich einen hooded Anorak grüngelb, eine blauweiß gestreifte Hose mit aufgesticktem Blümchenmuster und einen Hut im Westernstil, Modell Denver. Das Ding war ausgefranst und strömte einen Geruch aus. Aber preiswert, keine vierzig Dollar alles in allem. Der Maler fühlte sich jetzt heimischer als vorher. Er gehörte irgendwie dazu, das Kapitel Kunstgeschichte war fürs erste abgeschlossen. Sein Rucksack mit den Utensilien war noch da. Als er ihn einmal dort vergessen hatte, ließ er ihn in Taxis nicht mehr auf der Hand.

4

Die Fashion Week war über ganz New York verstreut. Lincoln Center und Bryant Park waren aus der Mode. Sie logierte jetzt in ausrangierten Bahnhöfen, leeren Postämtern, Fabriketagen und in den Springstudios von Tribecca. Da die Straßen von yellow cabs überquollen, nahm er die Metro. Ziel war die Canal Street. Von dort aus war es kürzer nach Tribecca, zumindest seiner Orientierung nach. Je näher er den Studios kam, desto öfter begegneten ihm Damen in extravaganter Kostümierung und Kleidung, für das New Yorker Straßenbild nicht ganz gewöhnlich.

Sie trugen großkarierte, ausgebeulte quietschbunte Hosen, Tapisserie-Overalls mit ultraknappen Shorts, Wickelblusen, Strümpfe, die mit Pumps verschmolzen, ausladende bedruckte Rüschenröcke, mantillenartige Kostüme, Kissenmäntelchen in Herzform, Hüftbags in allen Varianten, Krokoblusen mit Hoodie, überdimensionale Blousons mit gesprenkelten Strumpfhosen, grüngelbe Plisseehosen, vierfarbige Ankleboots, Röcke mit Bonbonstreifen in weiten Schwung, oversized Blazer in allen Farben, geschnürte Reifröcke mit knallbunten Oberteilen, figurbetont und nicht, metallic Bermudas, Mäntelchen mit Glockenlinie und riesigen Bolerokragen, Fledermaushosen, körperenge Kleidchen mit psychedelischen schwarz-weiß-Motiven, Schlapphüte und mit Stickerei verzierte Jäckchen in allen Varianten. Oh,- dachte der Maler, New York ist kostümiert. Sie wandten sich hierhin und dorthin, blieben stehen, drehten sich im Kreis, ließen die Kleider schwingen, hoben die Beine und stellte sich in Positur, indem sie ihren Unterleib nach vorn schoben. Hatte sich die Fashion Week auf die Straße verlagert? Je näher er den Studios kam, desto häufiger wurden die Erscheinungen. Zu seiner Verwunderung schmunzelten ihm manche der Damen zu. Gehörte er gewissermaßen irgendwie dazu? Seine Stimmung hob sich zusehends. Wenn er es recht bedachte, hätte er Designer werden sollen.

Er zückte seinen Block und versuchte etwas festzuhalten, aber er kam nicht weit. Es war zu viel. Die Studios in St. Johns Lane haben die umfangreichsten Modepräsentationen. In der Nähe lag ihr Apartment. Er wusste nicht, ob sie hier einen sie Auftritt hatte oder anderswo. Am Hudson gab es noch den waterfront carnival. Sie war nicht prominent genug, um irgendwo besonders gelistet zu sein. Manche Mannequins hatten ihren eigenen Kanal im Netz. Die Springstudios sind eine Art Fabrikforum mit Räumen für alle möglichen Events. Die gläserne Front verläuft parallel zum breiten Gehweg. Im Näherkommen sah er den Betrieb: Fotografen, Designer Passanten, alles drängte durcheinander. Journalisten eilten herum, ein Mob von Fans, unablässig fuhren Taxis vor, Privat-Pkws, knallige Marken. Auch die Polizei war da, Models entstiegen den Karossen, Paparazzi durchkämmten die Menge auf der Suche nach Prominenz.

Eine Frau in einem braunen Glockenrock, der bei jedem Schritte mit eleganter Obszönität über ihr Gesäß schwappte, schritt dicht an ihm vorbei. Sie trug schwarze Stulpenstiefel, deren obere Hälften nach unten geklappt waren. Mit forschen Schritten bewegte sie sich auf die Studios zu. Mit ihren ungepflegten Strähnen, die zum Outfit zu gehören schienen, erregte sie allgemeines Aufsehen. Der Maler zückte seinen Block. Ein Pulk von Fotografen eilte ihr entgegen, ging vor ihr in die Knie, fotografierte unten-oben, wich zurück, da sie nicht stehen blieb und warf sich auf den Boden. Trägt sie Unterhöschen oder trägt sie keine? Der Maler verstand nur naked, den Rest reimte er sich zusammen.

Gleich darauf wandten sich die Fotografen aus unerfindlichen Gründen ihm selber zu. Sie fotografierten seine Hose, seinen Hut, sein Gesicht im Closup, seine Schuhe. Ging sein Aufzug irgendwie als street style durch? What´s your brand?-fragte einer und forderte ihn auf, den Strohhut abzunehmen. Da der Maler aus Verlegenheit nicht reagierte, nahm ihm der Fotograf den Hut ab, knipste ihm aus nächster Nähe ins Gesicht und setzte ihm den Denver wieder auf. In der Innenseite hatte sich ein Band aus Schweiß gebildet.

Eine Flottille schwarzer Mercedes, deren Ähnlichkeit mit traditionellen Leichenwagen dem Maler immer Spaß gemacht hatte, rollte vor und versperrte die Sicht. Bodyguards in Rübezahlstatur mit windschnittigen Gelfrisuren besetzten den Platz. Die Tür einer der Karossen ging auf und eine korpulente Enddreißigerin arbeitete sich aus dem Gefährt. Sie war aufgrund der Eingeschnürtheit in ihr Kleid kaum noch zu einer Gehbewegung fähig. Ein Chor von Verehrern empfing sie mit Freuden- schreien. Um ihre bronzierten Schultern wallte ein Muff aus schneeweißem Pelz oder Plüsch. Sie machte ein paar Schritte, blieb stehen und drehte sich im Kreis. Die Menge lief zusammen, Passanten blieben stehen, kamen näher. Die Dame stemmte ihre Arme in die Hüften, so dass die Korsetage sich mit einem unhörbaren Seufzer dehnte und bewegte sich in Richtung Eingang. Ihre Entourage in dunklen Nadelstreifen umringte sie dabei, als gelte es den Schutz eines Atomwaffentransports. Sie ließ das Plüsch von ihren Schultern gleiten und demonstrierte ihre Oberweite. Die Menge brach in Schreie des Entzückens aus. Einige Verehrer riefen ihren Namen. Models strömten einzeln oder gruppenweise weiter in die Studios. Manche blieben kurz stehen, posierten, unterhielten sich, kicherten, stellten sich für die Fotografen auf und bewegten sich dann langsam weiter. Japanerinnen in blütenweißen weiten Röcken schienen angesagt auf dieser Fashion Week. Selfies ohne Ende.

Und plötzlich: die Erleuchtung! Sie war an ihm vorbeigegangen und entfernte sich im gleichen Augenblick mit Geschwindigkeit. Es war der Hauch des Originals. Er heftete sich an ihre Fersen. Ein mechanischer Impuls! Wozu war er hier? Die Haare reichten ihr bis an Kniekehlen, sie waren ihr Markenzeichen. Models mit langen Haaren gab es in dem Getümmel allerdings etliche. In der Haupthalle wogte ein Meer von Gesichtern. Sie schob sich langsam hindurch, er immer hinter ihr. Es fehlte nicht viel und er hätte ihr die Hand auf die Schulter gelegt, damit sie sich umdrehte. Er hatte sie so oft studiert, dass eine Übertragung eingetreten war. Er erlebte die absurde Intimität, mit der manche Fans ihre Idole anhimmeln, denen sie nie begegnet sind. Ein Lärm füllte den Raum wie Soundwalls die Hits der sechziger Jahre. Man wartete auf etwas, das erstmal ausblieb. Durch Staffage erzeugte Gänge, die nach irgendwo abzweigten, taten sich auf. Er verlor die Orientierung. Fotografen drängten ihm entgegen, die einer Schar von Models folgten. Smartphones filmten die Luft.

Er sah sie immer noch von hinten. Sie trug ein simples blaues Kleid mit weißem Saum, das bis zu den Knien reichte. Ein anderes Model trat auf sie zu, umarmte sie. Jetzt drehte sie sich um, sein Mund ging automatisch auf- und dürfe er,. … um später…?- Sie sah ihn nur kurz an. Sorry?- Und verschwand in eine Richtung, in der weiteres Gewühl auflief. War sie es doch nicht? Er bewegte sich in einer Art von Trance durch die Kulissen. Er stieß auf eine neue Galerie. Models wie auf Stelzen und magerer wie Bohnenstangen bewegten sich in Zeitlupe, sie schienen etwas zu probieren oder zeigten Kreationen aus metallisch glänzendem Silber. Die schmalen Stoffbahnen flatterten um ihre Körper. Ihre Köpfe schwebten wie Trauerflamingos in einer Höhe, die dem Maler utopisch vorkam. Ihre Augen flimmerten in violettem Gloss mit Wimpern, deren Länge alles übertraf, was ihm bisher vor Augen gekommen war. Er drang bis zu den Make-up-Artists vor. Dann folgte er einem Kamerateam und tat, als ob er dazu gehörte. Die Models saßen in langen Reihen die Köpfe rückwärts oder seitwärts nach Bedarf des Make-up. Pinsel und Stift, Schwämmchen und Gloss, betupft, gestriegelt, bearbeitet, das Haar durch Korkenziehermaschinen getrieben. Sie warteten geduldig, gelangweilt oder selbstverliebt und ließen alle Prozeduren über sich ergehen. Die Artisten spielten Heinzelmännchen der Verwandlung.

Er kam von rückwärts durch den Spiegel auf sie zu. Bleich unter einer weißen Schicht, auf der der Teint wohl noch fehlte, saß sie da. War sie es? Er erkannte sie an ihrer Augenfarbe. Oder glaubte es wenigstens. Die Augen blickten aus der Maske, als sähen sie ins Nichts. Das Haar war über die Stuhllehne gelegt und reichte bis auf den Boden. Der Maler stellte sich als David Hockney vor. Sie kennen mein Porträt der Familie Clark…-nicht wahr? Es ist berühmt, wie man auf Deutsch sagt.- Ahhaa?- machte die Make-up- Artistin. Sie sah nur kurz von ihrer Arbeit auf.

Der Maler konnte nicht erkennen, ob sie ihn durch ihre Augenschlitze ansah. Ihre Pupillen bewegten sich nicht, sie schien aber etwas belustigt. Who are you talking to?- Die Make-up-Künstlerin hantierte mit den Utensilien, sie applizierte Violett und aus einem Töpfchen unter das rechte Auge, das andere wurde lila mit einen neuen Pinsel. Ihre Maske schien kaum merklich zu schmunzeln. Mister and Mrs. Clark…-Der Maler setzte zu einer deskriptiven Analyse des betreffenden Gemäldes an, die Vorstellung als David Hockney, den in New York vermutlich jeder kannte, schien ihm kein schlechter Einfall.

Ein Griff an seinen Ellenbogen unterbrach ihn. Hinter ihm stand die Kontrolle mit einer Nase wie ein Adlerschnabel. Sie überragte Herrn Hockney um zwei Köpfe. Ihre Funktion war mit einer Klammer an ihrer Uniform befestigt. What are you doing here?- fragte sie und sah nicht freundlich aus. I am a reporter from the New York Times Magazine.- Der Maler bemühte sich um einen amerikanischen Akzent. Bullshit!- Indeeeed…- erklärte er. -How did you get in?- I am here for an interview with the lady….- What lady?- The model right in front of us.- Bullshit!- …And as a quest of beauty in the matter of….art…- Your ticket, Mister!-

Mit einem Seitenblick bemerkte er, dass das sie unter ihrer Make-up-Maske stärker schmunzelte. Sie hatte die Augen geöffnet, die wie zwei Mandeln in der Maske lagen, und sah ihn, ohne den Kopf zu wenden von seitwärts an. Ihr Blick war ausdruckslos, es schien, als sähe sie durch ihn hindurch. In der Leere ihrer Augen lichtete sich die Materialität des Raumes. Your ticket!- wiederholte die Kontrolleurin mit einer Stimme, dass die Nachbarschmine aufsah. Der Maler griff in die Tasche seiner Blümchenhose, fühlte Plastik und zog es heraus. Es war die Wochenkarte für die Metro. Die Kontrolleurin sah ihn an, sie fasste ihn am Ellenbogen, dass es schmerzte und dirigierte ihn in Richtung Ausgang. Im Nachhinein fragte er sich, wie er überhaupt hereingekommen war. Am Eingang stand ein Zerberus, der jede Eintrittskarte kontrollierte. Boys why are you so stupid?- hörte er hinter sich. Vorläufig war die Mission gescheitert. Scharenweise strömten Models weiter auf die Studios zu, von irgendwo ertönte Jazz, sehr spritzige Musik. Ziellos trieb er auf die nächste Metro zu.

5

In der Canal Street war Stoßzeit. Halb New York benutzte um diese Zeit die U-Bahn. Der Maler irrte durch das Labyrinth der Gänge. Die gelbe Kachelung erinnerte an die Sterilität von Nervenheilanstalten. Als er auf der Plattform ankam, sah er durch die Beine der Passanten den Trommler. Er saß vor einem Pfeiler und schlug mit seinen Trommelstöcken auf leere Farbeimer von unterschiedlicher Größe ein. Der Maler stellte sich neben ihn und legte dreißig Cent in das Gefäß. Ho,- sagte der Junge, indem er trommelte. In seinem Becher lagen ein paar ein paar Cent.

Fifty now, fifty later,- sagte er. What´s the idea?- Der Junge trommelte. If I know I pay,- sagte der Maler. There are fakes in China Town, fake all over, camera fake, all fake, outfit and so on.- Der Maler machte ein paar Schritte auf dem Bahnsteig: New York und seine Massen, Gewühl der Anonymität, Millionen Schuhe und Millionen Augen, hundertmal hundertausend Gesichter. Wozu war er hier? Das Aufsichtspersonal der Studios hatte ihn im Blick gehabt, Fake war seine Chance.

China Town: das Wohn- und Waren Lager von New York, ein Museum mit engen Gassen voller Postings mit chinesischen Schriftzeichen, ein Wirrwar an Angeboten, deren Namen nur die Händler kannten, sofern es für die Sachen überhaupt welche gab. Die Häuserfronten aus altem Backstein sind mit Werbetafeln übersät, es riecht nach Fisch, Krebsen, Gemüse, Wurzeln, und Säcke mit Gewürzen in allen Farben der Palette stehen vor den Läden.

Sie durchquerten ein Lager mit Trödel. Es konnte auch ein Schrottplatz sein. Kaputte Nähmaschinen Marke Singer, Uhren mit zerbrochenen Zeigern, Lampenschirme aus Altmetall, Messingkessel aller Größen, Nachttöpfe mit Spieluhren, Fahrradlenker, Kuckucksuhren ohne Kuckuck, Druckmatrizen aus Blech, Flamingos aus Messing, die ihre Hälse in die Höhe reckten, Radios mit Stoffbespannung ohne Tastatur, Nussknacker aus Gusseisen. Der Junge strich durch die Regale, nahm Teile aus den Fächern und schraubte sie mit ziemlicher Geschwindigkeit zu einem Ding zusammen, das einer Kamera zumindest ähnlich sah. Das Objektiv bestand aus einem Auspuffrohr. Der Junge setzte Metallflanche davor, die halbwegs passten, dann kratzte er den Rost ab. Anschließend ging er mit schwarzer Schuhcreme darüber. Der Maler besorgte sich aus einem Nachbardepot eine Hose mit gestickten Jaguarmuster, Damenshorts in Quittegelb und knappem Sitz und einen rosa Petticoat. Sein Begleiter empfahl ihm, diese Shorts gleich über der Hose zu ziehen. Das würde Eindruck machen. Der Maler folgte der Empfehlung.

Dann gab es auch noch einen Plastiküberwurf in Ölknitter und ein Sweatshirt mit dem Aufdruck: „ Fake the Fake “. Das kam in den Rucksack, der jetzt ziemlich prall war. Als Kopfbedeckung suchte er sich einen Fez mit einer roten Troddel, als Schuhe Boots in Schwarz mit silbernem Beschlag. In der Nähe der Studios streifte er sich den Petticoat über und wickelte ihn in einem Wulst bis auf die Hüfte, so dass man ihn bei passender Gelegenheit nach oben ziehen konnte. Je näher sie den Studios kamen, desto häufiger begegneten sie wieder jede Art von Street Style. Wehende lichtblaue Hosenkleider von raffinierter Eleganz. Das Chamäleon der Mode: es fing an den Maler zu begeistern.

Bloomberg University Television!-Sie näherten sich dem Eingang im Laufschritt und umkreisten den Zerberus. Der Junge wiederholte seinen Ausruf. Der Maler modelte, der Junge filmte. Sie verhielten ihr Tempo, bis eine Schar schneeweiß gewandeter Japanerinnen in überweiten Glockenkleidern sich vor dem Zerberus postierte, ihm die Sicht versperrte und stießen dann mit großer Schnelligkeit hinein. In dem Getümmel war von weiteren Kontrollen vorerst nichts zu sehen. Das Gewühl war undurchdringlich. Agenten, Anprobierer, Modeblogger, Fuzzis aller Art, Paparazzi, Kameras, ein Wald von Smartphones über alles Köpfen. Jeder suchte jeden. Der Maler modelte, der Junge filmte. Allmählich bahnten sie sich ihren Weg, sie wurden abgedrängt und landeten in einem Seitentrakt. Der Maler hielt Ausschau.

Es wimmelte hier jetzt von maskulinen Models: kleine, dicke, dünne, lange, häufig mit nacktem Oberkörper. Oder schon stoffbedeckt und eingepackt in neuste Kreationen. Offenbar war Menswear an der Reihe. Hosen mit Rauten oder Karomuster in unterschiedlichen Schattierungen standen auf dem Plan, sahen cool aus oder stellten sich in Positur. Eine Parade frisch geputzter Dressmen in einer Formation wie beim Militär reihte sich auf, aalglatt. Und die gepflegten Fußnägel! Es dominierten Maigrün oder bonbonrosa Töne. Schräg hinter ihnen reihte sich die nächste Schlange auf. Man führte seitengemusterte, elastische Hosen vor, track pants , die prall auf dem Körper saßen und wahrscheinlich platzen würden, wenn man eine heftige Bewegung machte. Eine Prozession erschien mit Tiger- Jäckchen und Pythonhosen, funky funk und offensiv verrotzt.

Dann welche, die über den Körper gestreifte Strumpfhosen präsentierten. Es folgten Jünglinge in Frauenkleidern und wandelnde Campingzelte.Der Maler staunte und der Junge filmte. Von Männermode hatte er kaum je etwas gehört. Manche Köpfe saßen auf den Torsi, als ob sie nicht dazu gehörten. Bloomberg Unisveristy Television!- Die Menge hatte sich gelichtet, das Team blieb stehen, der Maler hielt Ausschau. Jetzt sah man Schlipse auf der nackten Brust, die Oberteile weit. You there,- Der Maler drehte sich um. Eine Dame sprach mit ihm. You are on. Sie sind dran!- Die Dame trug ein schwarzes Outfit und sah professionell aus. Sie war plötzlich neben ihm aufgetaucht. Come on,- sagte sie und schob ihn in die Richtung eines Vorhangs, der wie ein Laken aussah. Sie fasste ihn beim Ellenbogen. Take ist easy, it´s okey.-Hinter dem Vorhang war Stimmengewirr. What?- fragte der Maler. Relax, -sagte sie, easy goes.-Was hinter dem Vorhang vorging, war für den Maler vorerst nicht erkennbar. Als er sich umblickte, glaubte er am Ende des Raumes die Aufseherin zu erkennen. Hinter ihm postierte sich ein Männermodel in einem sackartigen Gewand.

Pull the petticoat up!- Die Dame rollte ihm den Petticoat bis an den Hals. Die Träger legte sie ihm über beide Ohren. Der obere Teil des Unterrocks verdeckte jetzt die Kinnpartie des Malers. Die Dame wischte den Vorhang beiseite und schob ihn nach vorn. Ihre Bewegung entbehrte nicht der Glamourösität. Der Maler trat hinaus ins Rampenlicht. Bei seinen ersten Schritten war er vom Licht der Scheinwerfer geblendet, er sah nur Schatten, die in Blitzen platzten.

Das Publikum beugte sich vor, manch einer mit dem ganzen Oberkörper. Jetzt kam das Defilee. Eine Reihe von Köpfen, die wie ein Spalier heruntergingen, rahmten das Event. Die Aufmerksamkeit der großen Modewelt war auf ihn gerichtet! In den Studios gab es keinen Laufsteg. Der Raum war mit Pflanzen ausgefüllt, deren Stile, Blätter und Blüten bis an die Decke der Halle reichten, an den Rändern dieses Dschungels zogen sich die Sitzgelegenheiten hin.

Auch er in Arkadien! Das feminine Publikum war allerdings, soweit er es aus seinen Augenwinkeln mitbekam, eher Durchschnitt. Besondere Gesichter waren nirgends zu erkennen. Gab es kein Glamour Girl in dieser Schow? Ein unaufhörliches Geschnatter und Geschrei brach los. Der Maler strengte sich an, den Gang der Models nachzuahmen, er hatte ihn auf Videos studiert. High heels und Catwalk war die Parole. Er streckte das rechte Bein vor, bog das Schienbein nach unten, setzte den Fuß ruckartig auf den Boden, schob den Rumpf nach und wiederholte die Prozedur mit dem linken. Das Publikium fing an zu lachen. Der Lärm schwoll an. Der Petticoat schien seinem Oberkörper gut zu tun, die Shorts erzeugten einen Glanzeffekt, dem etwas Ungewohntes innewohnte. Ramp style, the wear we trust,- schrie jemand. Ohhoo!- Der Maler wurde abgelichtet, ein Wald von Smartphones wehte in der Luft. Während des Defilees war er seltsam abwesend. Die Masse der Gesichter verschwamm vor seinen Augen wie ein Film, den er bekifft verfolgte. Gewaltiges Gelächter!

Plötzlich sah er s i e! Sie saß in der zweiten Reihe. Selbst in der Masse war sie mühelos herauszufinden. Der Maler hielt an und sah zu ihr hinüber. Sein rechtes Bein war in der Luft. Sie schien sich zu amüsieren. Länger stehen zu bleiben, war allerdings unmöglich. Hinter ihm kam das nächste Model. Es war der Mann in dem sackartigen Outfit.

Der Maler drehte seine Runde, die Heiterkeit wurde ohrenbetäubend. Jetzt kam der Vorhang in Sicht, das Ende seines Rundgangs. Ein Gefühl der Genugtuung beherrschte den Maler, in diesem Gefühl wischte er ihn beiseite, wobei er die Bewegung der Dame von vorhin wiederholte. Von dem Jungen war nichts mehr zu sehen. Ein Mensch mit hochroten Kopf und wütendem Gesicht trat auf ihn zu, packte ihn am Arm und gestikulierte: What the fuck are you doing here?- Der Maler holte Luft. W h o the fuck are you?- schrie der vor ihm Stehende so laut so laut, dass es überall zu hören war. Oh,- sagte der Maler und wollte Auskunft geben. Er hielt nach der Dame Ausschau, die ihn vor dem Vorhang dirigiert hatte, aber sie war nirgends zu sehen.

Später in der Nähe einer Treppe und um etliche Ecken, wo etwas Ruhe herrschte und ein paar Models sich unterhielten, sah er sie noch einmal. Sie starrte auf ihr Smartphone und tippte auf den Screen. Sie schien nicht zu sehen, dass er dastand. Er hatte seine Utensilien nicht dabei. Nur einen Block und einen Bleistiftstummel. Er begann mit ihrem ungefragten Einverständnis Striche auf das Blatt zu machen. Allerdings war der Block kaum größer als die Innenfläche seiner Hand. Piano man?- Der Maler verstand nicht. Sie sprach leise oder bewegte nur die Lippen. Sie blieb fast vier Minuten sitzen, bevor sie aufsprang und weglief. Auf dem Platz vor den Studios wartete der Junge. Das Honorar hatte sich erhöht. Er händigte dem Maler seinen Rucksack aus. Jay, sagte er, Kanalisation, East forty nine.-

6

Coney Island. Ein Tag, der Wolkenbänke in bizarrer Form am Horizont aufschichtete. Es herrschte Betrieb vor den Toren der Rummelplätze. Familien mit Kinderwagen zogen vorbei, Männer, die ziellos herum wanderten, Hunde und Touristen. Das Wonder Wheel war in Bewegung, die Gondeln schaukelten im Wind. Auf dem Roler Coaster kreischte es, der Thunderbolt war überfüllt. Grillgeruch quoll aus den Ständen, Möwen wirbelten durch die Luft und ließen Schreie hören. Ab und zu stießen sie herunter. Die Musik des Jahrmarkts wehte im Wind. Der Maler hatte die Hoffnung aufgegeben, sie vielleicht noch irgendwo zu sehen oder eine Zeichnung von ihr anzufertigen. Man sah nicht, ob die Flut schon wieder stieg. Er blieb an dem Geländer stehen und sah über das Watt. An der Wasserkante bewegten sich ein paar Leute, darunter eine Gestalt, die ihm bekannt vorkam. Sie ging langsam, mit den Schuhen fast am Wasser. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und blickte auf die Wellen. Er erkannte sie an ihren Haaren.

Der Maler überlegte nicht lange. Er setzte sich in Bewegung. Als er noch etwa zehn Meter von ihr entfernt war, drehte sie sich um. Er war nicht sicher, ob er ihr in die Augen sehen sollte, er hegte die Befürchtung, sie würde sich in Luft auflösen, wenn er sie fixierte. In einiger Entfernung blieb er stehen, verbeugte sich und rief ein Hi!-. Der Wind trug es davon. Sie antwortete nicht, sah nur vor sich hin. Von irgendwo war das Brummen startender Triebwerke zu hören. Es vermischte sich mit dem Geräusch des Windes. Die Silhouette Manhattans waberte im Dunst.

Er kam näher, wiederholte sein Hi und begriff nicht, dass er lauter sprechen musste, wenn er verstanden werden wollte. Erst einmal sah scharf an ihr vorbei. Unvermittelt fasste sie sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und rückte seinen Kopf zurecht. Der Maler erstarrte und riss die Augen auf. Are you are talking to me…?- Er verbeugte sich und versuchte zu erklären. Eine seltsame Clownerie hatte ihn befallen. Dicht wie sie vor ihm stand, gruselte ihm vor ihr und vor seinem Annäherungsversuch. Sein Motiv funktionierte nicht mehr. Um ein Haar hätte er die Verbeugung wiederholt. Dann tat er es und verbeugte sich noch tiefer.

You are following me.- Der Maler überlegte und fing an zu stottern. Er stotterte auf Englisch. You were in the show….-. Wenigstens schmunzelte sie vorerst. Der Maler verbeugte sich. I was a fake,- gab er zu Protokoll. Are you a model?- No model, no model.- What´s the idea?- Man merkte, dass sie ungeduldig wurde. Die Situation war absurd, sein Motiv, falls er überhaupt eines gehabt hatte, hatte ihn verlassen. Er wusste nicht mehr, warum er in New York herumlief. Da hinten lag Manhattan. Er überflog die Skyline. Sein Blick ging ins Leere. Why are you following me?- Sie sah sich um, als ob sie sich vergewissern wollte, dass Leute in der Nähe waren. Dann sah sie auf die Wellen. I am a Fashion Designer,-sagte er. The other day you were David Hockney.-

Der Maler holte Luft. Jetzt musste etwas über die Ästhetik kommen, der er zu folgen suchte. Er durchforschte sein Gehirn nach Textstellen, die er dazu gelesen hatte. Der Phaidros musste neu geschrieben werden. Der Analytiker mit dem interesselosen Wohlgefallen verschwand im hermeneutischen Nirwana. Der Maler ließ die Damen der Kunstgeschichte an seinem inneren Auge vorüberziehen. Ingres und der Orientalismus seiner Akte, die Darmstädter Passion, Maria im Rosenhag, die heilige Barbara, die Straßenmaler von Pompeji, die mittelalterlichen Tafelbilder, die nackte Maya im Prado, Holbein und seine Weiber im Jungbrunnen. Die Damen des Impressionismus? Das Frühstück im Freien? Das androgyne Weiblein, das Gottvater in Buonarrotis Deckenfresko in seinem Mantel für den Adam vorhielt?

Ihre Lippen hatten sich bewegt. Ihre Augen nahmen eine intensivere Farbe an. Der Wind trug die Worte davon. Er war nicht sicher, ob er richtig hörte. Die Menge der Clips, die er von ihr gesehen hatte, flutete sein Hirn. Sie erschien schon in der nächsten Verwandlung, so dass er Mühe hatte, sich ein Bild zu machen, von dem er sagen konnte, das sei sie. Er dachte an die Käppchen, die im Sommer aus dem Weinlaub rieselten, als regne es aus einer Wolke, die Schnipsel auf dem Waldweg, den Feuerstein, aus dem im Dunkeln Funken schlugen, die Kohlekrümel aus dem Gehäuse seines ersten Transistorradios, die kaputte Geige seines Vaters , die Vogelkralle, die er in einem Kästchen aufbewahrte, die Pfauenaugen auf dem Sommerflieder, die Käfer, die am See erschienen waren, als er in dem Vulkan gesessen hatte, die Muscheln, die er auf Schranktüren geklebt hatte. Alles war da, da war Kontinuität.

Aber es verschwand vor seinen Augen, während er es sah. Sie drehte sich auf einmal um und strahlte ihn an. Wer bist du?- fragte sie, ein großes Kind, ein Idiot, ein Irrer ?- Ich kenne mich da selbst nicht aus,-erklärte er beflissen. Im gleichen Augenblick versagten seine Knie, er hockte sich ins Watt und hob die Hände wie zu einem Götzen. Holy shit,- sagte sie und starrte auf ihn herunter wie auf ein exotisches Insekt. Jetzt sah sie doch etwas entsetzt aus. Seine Knie waren durchnässt und seine Hosenbeine voller Sand, als er aufstand.

Nach diesem Schrecken wusste er auf einmal, was er sagen konnte. Er fing an, von dem berühmten Pudel zu erzählen. Es war ein Kunstobjekt aus Hochglanzstahl, überlebensgroß und glatt poliert mit einem Stöpsel in der Nase wie ein Schnuller. In etlichen New Yorker Schaufenstern gab es Reproduktionen davon. Der Künstler war ein Global Player. Wozu ist denn der Schnuller?- fragte sie. Die Preise für den Pudel steigen täglich,- rief der Maler. A poodle, how stupid.- Do you know the artist?- Sie kannte ihn vom Hörensagen. Die ganze Welt schwärmt von der Unschuld dieses Tieres, von seiner Leichtigkeit und Grazie. Es verbreitet Freude, es macht die Menschen glücklich, indem es sie vom Pessimismus heilt. Die Glieder sehen aus wie warme Würste.-

Sie ging jetzt dicht am Wasser. You are getting wet.- Sie hatte etwas gefragt, aber der Wind war zu stark. Plötzlich drehte sie sich um und zupfte sie ihn am Ärmel. Sie nahm das Ende seiner Jacke zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt es in die Höhe, so dass seine Hand daraus herunterhing. Was ist das?- Heart and soul, -sagte er. The universe is dangling.- Er sah durch ihre Augen in das Nichts einer Welt, die ihm verschlossen bleiben würde. Er erkannte nur Fragmente, die ein auf Perfektion versessener Demiurg in einer Schrecksekunde des Gelingens ausgehustet haben musste, der General der schwarzen Löcher und der Relativität der Katastrophen.

Der Mond ging auf und wieder unter. Wissen Sie was ein Tsunami ist?- Sie sprach auf einmal Deutsch. Ein Tsunami ist eine große Welle. Sie wird riesig und überflutet alles.- Glauben Sie, dass es in New York Tsunamis gibt?- Nein, hier ist man sicher.- Der Wind hatte sich nicht gelegt. Kleine Wellen schwappten heran, das Wasser überschwemmte ihre Schuhe. You are getting wet.- Are you still wearing that peticoat?- Der Maler begriff zunächst nicht, was sie meinte. Verlegen zog er die Schultern hoch. I have it in my rucksack,-sagte er. Keep it, it may bring you luck.-

Dann war sie gegangen. Er sah sie hinten bei den Boardwalks vor den Karussells die Stufen hinaufsteigen. Sie war schon ziemlich weit entfernt.

7

Schluss und Vorhang. Er zog noch einmal in die Canal Street in der vagen Hoffnung, sie dort vielleicht zu sehen, wenn auch aus der Entfernung. Die Fassade des Apartmentblocks sah abweisend wie immer aus. Er versuchte sich vorzustellen, was das für Räume waren, die hinter diesen Fenstern lagen, und in die die Models immer ein- und auszogen, eines nach dem anderen, je nach Business. Wie an dem Tag, als er zum ersten Mal hier war, hielt er auf der Straßenseite gegenüber an und sah nach oben. Dann suchte in seinem Rucksack nach dem Fernglas. New York und sein Verkehrsgewühl. Irgendwo heulte eine Sirene. An der Rückseite eines verkratzten Wolkenkratzers, der aussah wie aus einem anderen Millennium, kroch ein Käfig in die Höhe. Vor einer halben Stunde hatte er auf einem Rasenfleck von Park pausiert und einen Mac gegessen. Ein paar Leute saßen in der Sonne wie in Trance. Sie stand als gelber Fleck zwischen zwei Türmen im Dunst und glühte schwach. Die Straßen waren voller yellow cabs. An manchen Tagen schienen in New York mehr Taxis unterwegs zu sein als Privatautos. Sie schnürten an den Bürgersteigen entlang, verlangsamten ihr Tempo, fuhren wieder an und schnappten sich einen Fahrgast. Der Maler sah zu dem Balkon hoch, von dem er annahm, dass dort ihr Apartment war. Er wühlte immer noch in seinem Rucksack. Auf einem der Stockwerke ging die Balkontür auf. Ein unerwartetes Ereignis. Eine Gestalt näherte sich dem Geländer.

Zu seinem Erstaunen sah er, dass sie es war. Ganz sicher war er nicht. Es war ihre Silhouette. Sie blieb vorn am Geländer stehen und sah nach unten. Der Maler sah hinauf, nicht ohne freudige Begeisterung über diese unverhoffte Begegnung. Seine Nackenwirbel knackten. Konnte sie ihn sehen? In seiner Zwergenhaftigkeit hier unten? Etwas war mit ihr passiert. Sie war kaum wiederzuerkennen. Ihre Physiognomie war schwarz geworden wie ein Schinken, der zu lange im Rauch gehangen hat. Die dunkle Maske oder war es eine Maskerade? verlieh ihr das Aussehen einer Wetterhexe. Ihrer Haare standen zu Berge, sie schien gänzlich ungekämmt. Konnte sie das sein? Seine Sehkraft hatte letzthin weiter nachgelassen. Um diese Stunde hätte man erwartet, dass sie auf einem Catwalk oder in den Studios etwas präsentierte. Oder in der Schminke saß. Die Balkontür stand jetzt angelehnt. Sie erschien zum zweiten Mal vorn am Geländer. Der Maler kippte seinem Rucksack auf die Straße: das Fernglas war nicht da.

Ihr Anblick war ungewohnt, beinah abschreckend. Sie war eine Art Vision, seine Vision. Ein magisch bestirnter finsterer Himmel stand über ihrer Physiognomie.

Finster, aber fröhlich und wie ein großer Kondor, der die Flügel ausbreitet und sich in die Tiefe aufmacht. Ihr Blick schien zu sprühen, obgleich die Pupillen wie in einer Sperre standen und etwas zu fixieren schienen. Sie schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und sah nach rechts. Der Maler tat das gleiche. Er legte seinen Kopf noch weiter in den Nacken. Konnte sie ihn sehen? Zwergenhaft am Rand der Erinnerung? Ein Schal wand sich schlangenhaft um ihren Hals. Die Enden waberten im Wind. Etwas wie Stofffetzen flatterte an ihren Armen.

Unter ihren Augen waren schwarze Ringe, die Wimpern waren verlängert, ebenfalls schwarz. Ihre Augen standen seltsam schräg. Die einfachste Erklärung für den Auftritt war ein Fototermin, für den sie zurechtgemacht worden war. An einer Kreuzung weiter vorn verlangsamte ein Taxi seine Fahrt. Der Maler sah nur einen gelben Fleck, der näherkam und sich allmählich h in die Länge zog. Die Balkontür ging jetzt wieder auf. Erneut erschien sie am Geländer. Sie sah auf ihre Füße, der Maler tat das gleiche, dabei bemerkte er, dass er eine Tube mit violetter Farbe auf dem Bürgersteig zertrat.

Er hob ein Stück Papier vom Boden auf, klaubte einen Stift aus seiner Jacke und kritzelte: Seine Botschaft an die Wetterhexe! Er hatte eine apokryphe Schrift entwickelt, mit der er als Schüler seine Bücher und die Häuserwände der Nachbarschaft verziert hatte. Er malte sie jetzt auf das Blatt. Er hielt es hoch und winkte. Einen Augenblick lang schien sie inne zu halten und ihn zu erkennen. Dann war sie verschwunden. Ein Geräusch war zu hören, das den Verkehrslärm für Sekunden unterbrach, es klang wie ein Knacken, als ob man einen Käfer zerdrückte. Die Wagenkolonnen kamen kurz zum Stehen. Etwas war in der Luft, aber Vögel gab es in New York nur an bestimmten Stellen. Es war ein Schatten, der eine Drehung um sich selbst vollführte, winzige Akrobatik.

Der Bürgersteig um ihn herum belebte sich. Passanten blieben stehen, eine Frau, die einen Unterrock zu tragen schien, mit Beinen, wie Baumstämme sah immer wieder nach oben. Passanten in zerknitterten Kniehosen und mit Ärmeln wie Gorillas, an denen Plastiktüten hingen, blieben stehen und sahen ebenfalls hinauf. Sie richteten den Blick auf eine Stelle der Straße. Da drüben lag etwas. Der Maler sah nur Plastiktüten. Die Leute standen alle da und gafften. Plötzlich war jemand neben ihm. Der Betreffende trat dicht an ihn heran. So here we are…haha!- Der Maler blickte in ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam: die Brille und das Bärtchen unterm Kinn. Er sah gerade noch, dass immer mehr Passanten ringsum stehen blieben. Dann schlug der Taxifahrer zu.

8

Fugzeug, der Weg zurück. Der Maler war auf dem Weg zur Toilette, die Aisle ist schmal. Der Schiebe­karren mit dem Proviant passt gerade durch. Rückwärts ist nicht vorgesehen. Vorbei erst recht nicht. Linker Hand, rechter Hand- Gesichter einer unbekannten Art. Nur Meter entfernt die Triebwerke, die den Jet mit absurder Geschwindigkeit durch die untere Stratosphäre schleuderten. Dem Maler wurde schlecht wie oft auf Langstreckenflügen, die er beschlossen hatte einzustellen. Air Desease oder wie der Fachausdruck das nannte Die Bewegung fiel seinen Beinen schwer. Der Druck verengte seine Brust und quetschte ihm die Luft ab. Das Blei in seinem Unterleib schien hin und her zu schwappen. Genervte Blicke folgten seinem Gang. Er würde lästig werden, wenn er nicht schnell in den Normalzustand zurückfand. Womöglich musste man auf einer Insel im Pazifik landen.

Je höher der Jumbo stieg, desto zerflossener wurden die Gesichter. Der Gang zur Toilette führte quer durchs All. Das Schlangestehen vor der Tür wie üblich, drinnen brauchte jemand Zeit. Es dauerte. Die Tür ging auf: eine korpulente Frau in einem Minirock mit Schottenmuster, zwängte sich vorbei. Die Tür knallte hinter ihm zu. Der Whopper von vor Tagen erschien vor seinen Augen: Seine Majestät. Das Ketschup sickerte unten aus der Packung, der Brechreiz nahm jetzt zu. Der Maler studierte sein Gesicht zum ersten Mal seit langer Zeit im Spiegel. Der Faustschlag des Taxifahrers hatte die Partie unterhalb des rechten Auges getroffen. Der Backenknochen war geschwollen und dunkel unterlaufen. Das Dröhnen der Triebwerke klang hier dumpfer als draußen. Der Brechreiz kam und ging, dann aber kam er richtig.

Der Maler hatte noch Zeit sich über das Waschbecken zu beugen. Was er von sich gab, musste älteren Datums sein. An Essen war in den letzten Stunden nicht zu denken gewesen. Er wunderte sich im Nachhinein, wie er die Entlassungsprozedur aus den Staaten ohne größere Probleme überstanden hatte. Seine Fingerabdrücke schienen in Ordnung. Als er wieder hochkam, sah er ein Gesicht, das ihn befremdete, wenn nicht erschreckte. Es war die Konfiguration einer Verfassung, an die er sich erst noch gewöhnen musste. Ein Gartenzwerg aus verbogenem Plastik, dem allerdings die Zipfelmütze fehlte. Seine Haare zeigten steil nach oben. Die Zunge war belegt und hing heraus, die Nase war blau angelaufen, die Poren waren und dunkel wie unter einem Mikroskop. Die Zahnreihe war im Modus des Fletschens, das Kinn sah eigentümlich aggressiv aus, die Stirn floh nach hinten wie auf Reproduktionen von Neandertalern.

Was ihn schon immer irritiert hatte, war auf einmal explodiert. Die Physiognomie, sofern sie überhaupt noch existierte, war in seinem Medium das Objekt der Selbsterkennung, wenigstens der Tradition gemäß. Der Maler hatte mehr als einmal angefangen, sein Porträt zu machen, aber nie etwas beendet. Es klopfte an die Tür. Er wandte sich zur Seite, wollte etwas sagen, aber es kam nichts Brauchbares heraus. Seine Stimme fistelte, er klang wie ein Eunuch. Er kehrte sich zum Spiegel zurück, ein schafsköpfiges Schmunzeln hatte sich eingestellt, das sich über die Spiegelfläche ausbreitete wie Wellen in einer Pfütze, in die man einen Stein plumpsen lässt.

Der Trailer! Er hatte ihn erwartet und früher schon gesehen, verschwommen wie das Bild einer schlechten Kamera. Er wartete, es musste kommen. Es dauerte, bis die Umrisse klarer wurden. Jetzt kam im Hintergrund des Spiegels etwas in Sicht. A Trailer by the sea… -die Zeile seines Ohrwurms. Er stand in einer Landschaft, auf die man aus der Höhe herabsah. In der Nähe war ein Strand. Es rauschte wie in einer Muschel, die man ans Ohr hält. Sein Hirn reproduzierte die Zeile wie morgens, wenn er aufwachte: Jessie you can always….- Wenn sie einmal angefangen hatte, ließ sie sich nicht mehr abstellen. Sie war das Überbleibsel eines Areals seines Hirns, das man nicht hinreichend verödet hatte. Die Treppe an der Wagenseite. Saß sie dort wie sonst? Seine Insomnia. Der Ohrwurm ging weiter: Jessie, you can always.. -Dort musste sie jetzt sitzen- auf der Treppe…, wenn der Ohrwurm losging, konnte er sie vor sich sehen. Er wartete und stierte in den Spiegel.

Sie war nicht da. Die Treppe blieb leer, obgleich der Ohrwurm jetzt so deutlich war, als spiele ein Orchester. Komm heraus, rief der Maler mit einer Stimme, die er kaum erkannte, während der Spiegel sich unter seinem Atem beschlug. Er klopfte Zeichen an die Wand, ein Morsealphabet im Brechrhythmus. Zeig dich den Abgeriebenen und Abgetriebenen! Er glotzte in sein Spiegelbild, versuchte sich im Hintergrund der Phantasmagorie zu orientieren. Mit schrillen Tönen zog ein Sturm auf. Achtung, das Vieh auf der Weide, treibt es rein!- In den Resten seines Oberstübchens fragte er sich, wie diese Sache enden würde. Zeig uns deine Mähne, lass deine Pupillen als die Perlenknöpfe, die sie sind, auf den Äpfeln deiner Augen tanzen. Lackierst du deine Nägel?

Schließlich fiel ihm ein, dass er ja ihren Namen rufen konnte. Er öffnete den Mund und zeigte seine Zähne. Zu seiner Überraschung fand er ihren Namen nicht in seinem Hirn. So sehr er sich anstrengte, er kam nicht darauf, obgleich er ihn so oft benutzt hatte. Er tastete an dem Spiegel herum. Etwas zoomte heran. Eine Stufe des Trailers, er blickte in das Raster, daneben lag ein Kleidungsstück, ein Becher mit einem Bild. Der Maler beäugte das Phantom. Sein Mund ging auf und zu. Buchstaben fielen heraus wie Krümel aus dem Sack des Nikolaus. Es kam ein Zusammenhang, aber keine Form, nur abgebrochene Sätze, in der Mitte ein Loch. Eifersucht, Scham, Verschlamptheit, Wut, Spott und zwischendurch ein Frohsinn, von dem nichts mehr zu erwarten war. Ihm fiel ein, dass er sich gefragt hatte, ob sie an pornographischen Veranstaltungen mitgewirkt haben konnte. Seine Eifersucht war obszön, aber er konnte nichts dagegen tun.

Der Maler hing über dem Waschbecken. Noch immer klopfte jemand an die Tür. Die Geräusche seines Schlundes übertönten das Rauschen der Jets. Plötzlich bemerkte er, dass an der Rückwand der Zelle ein weiterer Spiegel angebracht war, den er bisher übersehen haben musste. Der Maler sah durch den Spiegel vor ihm in den Spiegel hinter sich. Er wollte sich umdrehen, war aber wie gelähmt. Das Kotzen in der Höhe kostet Kraft. Möglicherweise verließ ihn das Bewusstsein und man fand ihn später am Toilettenrand.

In dem zweiten Spiegel war Bewegung, das Zucken eines Reflexes war zu sehen. Ein Lichtblitz, der in den vorderen hinüber schlug, es flirrte etwas auf, vor ihm bildeten sich Risse wie auf einem surrealen Gemälde, das die Zeit karikiert. Sie waren fein geädert. Jetzt sah man die See, sie flogen also über Wasser, ein Schwarm schwang sich aus der Tapetenwand der Zelle, bevölkerte die Treppe des Trailers und explodierte in Blitzen.

Das fährt zur Sonne,- dachte der Maler. Ein Sonnenwagen ohne Mannschaft. Der Wind war da und hatte das Tuch über ihrer Trage hochgehoben. Ihr Gesicht war zu sehen. Die Nase stach aus dem Profil heraus, in der Mitte war ein Buckel. Alles nur für Sekunden. Die Sirenen der New York Police kamen die Straße herauf, sie sperrte den Weg vor dem Appartmentblock und Teile der Straße ab. Dann kamen die Outsourcer: Korpulenz in schwarzen Uniformen mit einer Art von Lieferwagen. Sie bedeckten, was dalag, schnürten es zusammen hoben es auf und schoben es wie ein Brot in den Van, der noch ein paar Augenblicke stehen blieb. Wie angewurzelt stand der Maler zwischen beiden Spiegeln. Ein Fotograf oder Kammeramann, gestützt auf beide Ellenbogen, robbte über die Straße und filmte unaufhörlich.

In ein paar Minuten würde alles auf den Kanälen zu sehen sein, das Profil, die Nase die Backenknochen, das vom Wind angehobene Tuch. Die Kommentare waren fertig. Dann kam die Dunkelkammer mit verklärenden Geräuschen. Machte der Tod Musik? Ein Model unter Trauerlilien hatte er noch nicht gesehen. Seine Neugier war obszön. Noch im Tod war sie schön. Vielleicht stolperte einer der Zwerge und der Apfel fiel aus ihrem Schlund. Jemand hatte ein Spielzeugpferd neben sie gelegt. Es berührte die Stirn. Er sagte: Du hast Hunger.- Sie schlief schon. Sie sah trocken aus, ein Kolibri auf einem Polster.

Der Maler stierte seine spiegelbildliche Verfratzung an. Gratuliere, schönes Kotzen! War es die Mühe wert?- Der Jumbo stieg noch immer. Er merkte es an seinem Magen. Ein Offizier verkündete den Stand der Dinge über Lautsprecher. Nein, Jessie würde nicht mehr auf der Treppe sitzen, vor keinem Trailer und an keinem Strand. Sie hatte alle weiteren Termine abgesagt. War sie für immer weg? Stückchen Erbrochenes klebten an seinem Mundwinkeln, er kratzte sie ab, so gut es ging und spülte sie ins Becken. Der Wasserdruck in diesem Jumbo ließ zu wünschen übrig. Ihr Mund war eine Art von Knast gewesen. Mit Lippenstift und Puderquaste. Ihr Trauerblick, die Atonie der Magersucht und weitere Symptome. Ihre Extravaganz verkörperte etwas, für das es keinen Grund gab. Pumphosen aus plissiertem Chiffon! Was für ein Geschmack! Seine Backe schmerzte.

Für wen arbeitest du?- hatte der Manager gefragt, der ihn zur Rede stellte, als er hinter dem Vorhang angekommen war. Ich arbeite… -hatte er gestammelt, sollte er das englische Wort verwenden? Das Deutsche passte deshalb nicht, weil der Mann es nicht verstehen würde. Vielleicht war hier die Antwort auf die Frage. Er redete: Von dem Betrieb, der seinen Stift nicht führen konnte, und Kleidung produzierte, die immer unverhältnismäßig schnell im Müll landete. Der Mann fixierte ihn wie einen Irren, blies ihm seinen Atem ins Gesicht und ließ ihn stehen.

Es klopfte immer noch sehr heftig an die Tür, Sekunden später schloss man geräuschvoll die Toilette auf. Der Maler blickte in das panische Gesicht einer perfekt geschminkten Stewardess. Wie hübsch sie war! Die Stewardess war äußerst hilfsbereit. Sie sorgte für die Sicherheit der Passagiere. Ob es ihm besser gehe?-fragte sie. Sie nahm eine Serviette aus dem Halter, hielt sie unter den Wasserstrahl, wischte ihm über den Mund und brachte so die letzten Krümel zum Verschwinden. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und zog ihn von der Schüssel, wo er sich wieder gesetzt hatte. Sie führte ihn zu seinem Sitz und stützte ihn. Er schämte sich für seine Aggressivität. Er hatte einen Fensterplatz, zwei Passagiere mussten sich erheben. Der junge Mann rechts neben ihm betrachtete ihn von der Seite und fasste sich an seine Nase.

Da unten lag New York, die Staaten: Massachusetts, Tennessee, Illinois, Lincoln State, Iowa, Tallahassee, Kansas, Virginia, the Old Dominion, Pennsylvania, Utah, Rushmore, Georgia, midnight train, mythische Locations. Die Freiheitsstatue war nicht mehr zu sehen. Vermutlich war man zu weit weg. Man sah die Reste des New Yorker Hafens, das NWTC, Banken im Dunst. Manhattan: im Nebel eines Dollarregens lag es da. Stein und Beton. Der Indianer unter seinem Bett im Makadam von früher kam zu sich. Damals trug der Maler einen Cowboygürtel und sein Revolver konnte knallen.

Im Nachhinein fand er es peinlich, wie es ihn beeindruckt hatte, dass es auf den Partys der Wall­street-Spekulanten, die die Millionen durch den Schornstein jagten, Kopien der Statuen von Michelangelo gab, die Whisky urinierten. Und dieser Pudel aus poliertem Stahl! Das Krokodil in seiner Badewanne, die Kuh im Feuerwasser! Da unten wurde jetzt die nächste Sause vorbereitet und er war nicht dabei!

New York! Aus dem Bullauge sah es aus wie ein Feld voll schiefer Grabsteine auf einem Friedhof im Herbst, eingerahmt von Wasser, dessen Stand in Zukunft unabwendbar in die Höhe steigen würde. Der Maler neigte sich auf seinem Sitz nach vorn. Er verrenkte sich den Hals. Seine Nackenwirbel knackten. Die größten Wolkenkratzer von Manhattan waren unten an der Spitze, die Brücken wie Strohhalme über dem Hudson. Waren jetzt alle tot? Das war die Frage. Gab es überhaupt noch Fragen? Der Maler putzte sich die Nase. Der Junge würde in der Kanalisation an seinen Hausaufgaben sitzen. Vielleicht war es das Beste, wenn man schleunigst wieder umkehrte. Zurück das Ganze! Es wurde höchste Zeit. Er musste alles noch einmal machen. Er würde vor dem Apartmentblock stehen, zu ihrem Fenster hinaufsehen und warten, dass sie auf dem Balkon erschien. In einer Aufmachung, die für etwas stand, das er sich nicht erklären konnte. Er würde seine Botschaft auf die Pappe kritzeln, die er vom Boden aufgelesen hatte. Er sah sich schon die Aisle entlang marschieren, links und rechts die Hinterköpfe der Touristen wie Eier in Salat, er hörte sich an die Tür des Cockpits klopfen, knock knock, hallo Achtung, bitte ändern Sie den Kurs! Auf keinen Fall zurück auf diesen Kontinent, auf keinen Fall nach Hause. Als Penner in der Bowery war besser. Oder als Müllmann in auf den Hinterhöfen von New Jersey. Das Krokodil in seinem Feuerwasser öffnete das Maul, der polierte Pudel galoppierte durch die internationale High Society, seine Knödel flogen durch die Partyluft und erzeugten Stürme der Begeisterung.

Dahinter lagen die Wülste eines Dunkels, in dem der Maler keinen Durchblick hatte. An Tagen mit klarem Himmel würde er den Clippern nachsehen, die in zehntausend Metern Höhe noch zu erkennen sind, und mit kaum hörbarem Brummen Kondensstreifen über den Himmel ziehen- von Osten nach Westen und überall hin. Umkehren war aussichtslos. Die Tür zum Cockpit war gut gesichert. Nach Angriffen mit Teppichmessern und anderen Gewaltauftritten hatte die Luftfahrt Mechanismen installiert, die nicht zu knacken waren. In den Gesichtern sah man einen Ozean aus Plastik. Was war da noch zu machen? Zum Beispiel ein zerplatztes Ei, das durch das Weltall tobte? Das goldene Urinal, mit dem das Kunstgenie die Wände des MoMA tapezierte? Der alte Düsentrieb, der die Unsterblichkeit erfand? Der Maler blickte nicht mehr hinter sich. Er wollte sich den Hals nicht mehr verrenken. In seinem Rucksack, den er ein bisschen an sich drückte, spürte er den Petticoat Er putzte sich die Nase. Aus seinem Taschentuch sah ihn der letzte Mohikaner an und lächelte gequält.

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Text plus Circumstance

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Texte: © Claus Hebell

Second Coming (Phase II)
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