Gemälde in Bild und Wort

Hebell-Klein-21

Titel:
Der  schräge  Blick
Maße:
48 cm x 65  cm
Ort / Datum :
Berlin 2013

Material Bild / Rahmen:

Öl,  Acryl auf  Fotokarton, auf  Rahmen gezogen

Beschreibung:

Es war dieser  ganz  schräge Blick, den er immer bekam, wenn er sich wieder einmal in alles verliebt hatte. Was war das? War er noch er selbst mit diesem Blick? Wenn er mit diesem ganz schrägen Blick durch die Straßen ging, bemerkte er an den Leuten die Tendenz, ihn schon von weitem interessiert zu erwarten, um ihm beim Näherkommen noch viel aufmerksamer ins Gesicht zu schauen.

Das Problem war, dass sie dabei oft schmunzelten, als ob es sich bei ihm um einen leicht Beeinträchtigten handelte und sie jetzt nur noch wissen wollten, ob  sich das auch bei näherem Hinsehen bestätigte.  Andererseits fand er ihn manchmal auch schön, diesen Blick, denn er erinnerte ihn an etwas, das er offenbar lange vergessen hatte, etwas aus seiner Kindheit.

Wieder und wieder dachte er darüber nach, was das sein konnte. Zunächst fiel ihm da das Mädchen ein, dem er als Neunjähriger oft auf dem Schulweg auf der anderen Straßenseite begegnet war, und dem er so lange nachgesehen hatte, bis  ihre Röcke sich im Wind verflogen. Wie damals ertappte er sich bei der Vorstellung, wie es wäre, sich einmal unter diesen Röcken zu aufzuhalten.

Konnte der  verdammte  schräge Blick von daher stammen? Konnte man von einer frühen Täppischkeit eine solche Problematik zurückbehalten? Passte das  zu  seiner Wenigkeit? Vielleicht war lag das Problem da, wo er sich über seine eigene Entwicklung seit jeher  nicht recht klar werden konnte. Je länger er darüber nachdachte, er desto stärker umwölkte sich seine Stirn, bis sie darüber regelrecht schwarz wurde (Bild).

Hatte er von seiner Kindheit möglicherweise noch mehr vergessen, was vielleicht wichtig war und ihm zu einem besseren Verständnis seiner selbst verhelfen konnte?

Nächte lag er wach, bis es schließlich wie eine Art Erleuchtung über ihn kam:  Der ins  Schräge gerichtete Blick war der einer Person auf einem alten Fresco. Dieses hatte als Karton lange in der Nähe seines Kinderbetts gehangen, sodass er es von dort aus stets hatte sehen können.

Er war nur der Ausschnitt eines Bildes von Piero, das sich irgendwo in einer Kirche  in Italien befinden musste. So war es! Das in Ockertönen gehaltene Geschehen stellte den Tod Adams dar. Eine der Personen auf dem Bild links außen, die nicht zum Zentrum des Geschehens gehörte, richtete den Blick aus dem Bild heraus ins Weite genau wie den seiner eigenen ewig schräg stehenden Augen. Das sei der Blick in die Zukunft, hatte ihm jemand gesagt. Er konnte sich nicht erinnern, wer das gewesen war. Aber immer hatte er vor dem Einschlafen mit der Gestalt auf dem Bild kommuniziert, ihr gute Nacht gewünscht und auch beim Aufwachen  hatte er sie begrüßt und oft gemeint, der Jemand auf  dem Bild hätte ihm geantwortet.

Wie war dieses  Bild auf dem Karton in sein Zimmer gekommen? Die Antwort darauf blieb seine Erinnerung  schuldig. Er beschloss aber, sobald als möglich nach Italien aufzubrechen, um vor dem Original endlich Klarheit über seine Kindheit zu bekommen. Was damals der Blick in die Zukunft war, konnte heute nicht falsch sein. War er also doch nicht, sagen wir mal in Anfrüngsstrichen, „zurückgeblieben“? Schließlich war er Maler.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text plus Circumstance

Text plus Circumstance

Texte: © Claus Hebell

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