Gemälde in Bild und Wort

Hebell-5

Titel:
Blaue Katze – gelbe Haare
Maße:
99 x 130
Künstler / Ort / Datum :
C. Hebell, Berlin 2009
Material Bild / Rahmen:
Spray, Öl auf Leinwand

Beschreibung:

UP, die Catarina Calavera, Feuervogel

1

Ich fasse zusammen,- sagte der Ghostwriter, dem der Maler seine Hefte überlassen hatte, um die Sachen lesbar zu machen. Sie schliefen also unter freiem Himmel im Alameda-Park von Mexiko- Stadt unter einem Baum, konsumierten dort und auch noch anderswo Peyote, lasen den Text über den Yaquiweg, den es bekanntlich nie gegeben hat, standen im Museum vor dem Bild von Rivera mit dem Titel „Träumerei am Sonntagnachmittag im Alameda-Park“ , ließen sich dort nachts auf der Toilette einschließen, rasierten sich im Rausch die rechte Augenbraue ab, wurden ins Krankenhaus eingeliefert, kurzfristig verhaftet und wieder freigelassen, mäandrierten über den Zókalo im Zentrum der Stadt, wo sie auf einmal diesen Feuervogel über sich am Himmel kreisen sahen, vermutlich eine drogeninduzierte Halluzination.- Unfug!- protestierte der Maler. Als es Ihnen in Mexiko zu heiß wurde, nahmen Sie den nächsten Flug nach Kuba, wandelten dort auf den Spurendes Sextourismus, machten sich an die hübschen Mulattinnen heran, hielten das für romantisch, kauften sich jede Nacht eine frische,- die bekommt man dort für ein paar Turnschuhe- und am Ende Ihrer wundersamen Reise schlichen Sie an Deck eines Kreuzfahrtschiffes aus den USA und gelangten als blinder Passagier versteckt in der Kühlkammer für Leichen nach Miami!-
Unfug,- wiederholte der Maler. Etwas mehr Sachlichkeit bitte. Der Stil scheint mir der Sache ebenfalls nicht angemessen.- Stil? Was für ein Stil?- fragte der Ghostwriter. Sie meinen Ironie.- Ich bin nicht an einer Geschichte interessiert, die von Abenteuern im Bermudadreieck handelt,- sagte der Maler.- Ich hübsche es ein bisschen auf, schließlich wollen wir die Leute ja nicht langweilen. Neunundneunzig Prozent der Leser Lesen ohnehin keine Bücher. Sie gehen lieber in den Supermarkt oder sitzen vor der Glotze. Die Massen an Papier, das die Verlage auf den Markt werfen, verstopft die Regale. Ich gebe zu, auch ich habe seit Jahren kein Buch mehr zu Ende gelesen. Es ist schlicht und ergreifend zu langweilig.- Ich möchte aber keine Aufhübschung. Ich möchte die Dokumentation-, sagte der Maler. Schön, aber mit dem was Sie geschrieben haben, locken Sie keinen Hund hinter dem Ofen vor. Um den Leser zu begeistern, braucht man ein Rezept.- Was denn für ein Rezept?- Der Maler fasste sich an den Kopf. Ich versuchte neulich einen dieser Bestseller aus den USA zu lesen. Da schreibt jemand über die Jagd mit einem Falken auf Kaninchen. Er oder sie bewundert das als Inbegriff mystischer Selbsterfahrung. Ich blättere und blättere. Was für ein Obskurantismus über eine Natur, die nicht mehr existiert! Aber: Das Publikum ist außer sich vor Freude, die Verlagsreklame überschlägt sich vor Begeisterung und auf den Feldern gehen die Bienen ein.-
Mag sein,-sagte der Maler. Aber das tröstet mich nicht über Ihre Kuriositäten.- Das muss nicht bedeuten, dass Bombast entsteht,- versicherte der Ghostwriter. Und der Rivera?- fragte der Maler. Das Bild im Alameda mit dem Nachthemd und dem Totentanz?- Das ist kein Nachthemd,- sagte der Maler, sondern das Plisseekleid einer weltbekannten Dame.- Ich weiß, das Lieblingsskelett des Malers. Das Modell seiner Träume. Die Dame nennt sich Catarina Calavera, nicht?- Ja, sie ist sie der Mittelpunkt des Bildes und der Geschichte überhaupt. Sie ist tausendfach reproduziert und dokumentiert worden, die ganze Welt kennt das Mural.- Schöne Symbolik, sagte der Ghostwriter. Aber etwas altmodisch, finden Sie nicht? In dem Bild von dem Rivera fehlt eigentlich ein Affe, finden Sie nicht? So etwas wie King Kong. Noch zeitgemäßer wär ein Joker.- Dummes Zeug, Bilder wie die vom Alameda-Park sind eine Art Symbol und der Rivera ist gewissermaßen unerschöpflich.- Das Wort Symbol kann mir gestohlen bleiben,- erklärte der Ghostwriter. Was?- Der Maler war beunruhigt. Aber keine Sorge, auch wenn die Dame kein Symbol ist, ist sie kein Problem. Selbst wenn es etwas kurios wird. Aber ich mache es auf meine Art. Andernfalls beenden wir die Kooperation.- Der Maler hob die Hände. Er verkniff sich weitere Einwände, entweder er ließ den Schreiber machen oder seine Sachen blieben weiter in der Schublade.

 

2

Ein Schamane! Ein Schamane!- Der kleine Wolfgang hatte ihn zuerst entdeckt. Auch Kevin, Philip und Lutz kamen gelaufen und wollten mitmachen. Sie zogen den Maler an den Rand des Terminals mit Bars und Pools, wo die Passagiere sich um die Barhocker drängten und Kellner mit gewaltigen Sombrers auf den Köpfen Lobster-Baritos ,Tacos, Khalua und Agavenschnaps durch die Reihen balancierten. Die Stoßzeit an der Mayaküste hatte eingesetzt: Zwei Kreuzfahrtdampfer mit 6000 oder 80000 Touristen an Bord und acht Stockwerken lagen vor den Piers und ließen dumpfes Tuten hören, das kilometerweit im Land hinein dröhnte. Ein dritter Kreuzer operierte vor dem Anleger. Eine weitere Mole befand sich in der Konstruktion. Am Horizont zeichnete sich ein viertes Schiff ab. Für die nächste Saison waren weitere Piers geplant. Die Vier zappelten vor dem Mann herum, der sein Angebot auf einem Tisch aus Plastik vor sich ausgebreitet hatte. Der Nervöseste war Lutz. Er hüpfte von einem Bein auf das andere, wedelte mit den Armen und drohte den Tisch des Mannes umzuwerfen. Zwischendurch trat er ihm auf dem Fuß. Der Maler hatte sich mit den vier Jungen angefreundet. Er hatte sie mit ein paar Strichen gezeichnet. Sie folgten ihm seither wie einem Spaßonkel und verlangten immer neue Skizzen. Sie gehörten zu einem älteren Herrn im Rollstuhl, der Absencen hatte, dabei mit offenen Augen in die Ferne sah und dem sie ständig entwischten. Der Schamane stand in seinem dschungelgrünen Umhang vor den Utensilien. Die Mähne wogte um sein Haupt, sein Alter war schwer bestimmbar. Auf einem Schild in einer Plastikhülle, die mit einem

Stein beschwert war, waren die Worte Ceremonia de Maya zu lesen. In einer Untertasse brannte eine durchgeschnittene Cohiba. Der Mann erhob sich etwas schwankend. Er hatte wie im Halbschlaf auf seinem Plastikstuhl gesessen. An einer Apfelsinenkiste neben ihm lehnte ein Regenschirm. Hinter ihm steckte ein Stab im Sand, an dem ein Büschel Vogelfedern hing. Weitere Utensilien bestanden aus einem Palmenwedel, einer mit Hieroglyphen verzierten Trommel und einem Flederwisch. Es geht los, rief Philipp. Alle mal her.- Der Schamane musterte die Kunden flüchtig, wies mit dem rechten Arm in eine unbestimmte Richtung, ließ den Untersatz, aus dem es qualmte, in die vier Himmelsrichtungen kreisen und murmelte Worte einer unbekannten Sprache. Er nahm die Trommel in die Hand, schlug einen kurzen Rhythmus, fuhr dem Knaben mit dem Palmwedel über das Gesicht und schürzte dabei die Lippen, als küsse er die Luft. Zuletzt legte er die Hand auf den Kopf des Jungen und sagte etwas wie „waral waral“. Niemand verstand ein Wort. Der Schamane-der Ghostwriter übernahm den Begriff- schwenkte noch einmal den Untersatz mit der Kohle und die Zeremonie schien beendet. Wolfgang, der die Augen geschlossen hatte, erwachte wie aus einem Tagtraum. Jetzt bin ich konfirmiert!- rief er. Der Pastor Bierbauch kann zum Teufel gehen, der olle Zebaoth dazu und seine Genesis im Kreuzworträtsel. Philiboy, Kamera, Aufnahme!- Die Vier zückten ihre Smartfons im Gleichtakt: andachtsvolle Stille: Hab den Stick an Bord vergessen, sagte Kevin, verdammt. Das erste Selfie von schräg oben, ein zweites unten-oben, dann Gruppenbild mit Magier, die Knaben links und rechts, der Magier in der Mitte, der Alte schmunzelte in einer Art von Demut. Als nächstes die Cohiba: Nahaufnahme, wird geteilt, dann wieder unisono, der Umhang des Schamanen, sein Regenschirm, die Apfelsinenkiste, die Coca-Cola-Flasche, der Federstab, der Strand am Meer, das Terminal aus dieser Perspektive, whatsapp für Mona. Old Rollstuhl wird begeistert sein!- schrie Wolfgang. Dann rasten sie davon.
Der Maler wäre ebenfalls gegangen, wäre ihm nicht auf einen Stück Papier in einem kleineren Text der auf dem Boden lag, das Wort Peyote aufgefallen. P e y o t e! Die Schrift war verschwommen. Der Text war wohl latinisiertes Maya, dem Maler völlig unverständlich. Da stand Peyote. Die Zeremonie des Malers schien angefangen zu haben, ohne dass er sie beauftragt hatte. Der Schamane sah aus glasigen Augen zu ihm hoch, er zeigte ihm die Schüssel mit der Kohle, nickte, hielt sie ihm vor das Gesicht, ergriff den Stab und schwenkte die Federn. Der Maler roch den Qualm. Im Hintergrund ertönte ein Gelächter. Das Murmeln des Schamanen klang jetzt unterirdisch. Hinten schlug das Wasser auf den Strand. Es rauschte wie in einer Muschel, die man sich ans Ohr hält. Das Männlein hob die Hand und ließ die Schale in die Himmelsrichtungen kreisen. Ein Windstoß blies dem Maler Staubpartikel ins Gesicht .Er fing an zu husten.
Peyote?- fragte er und hustete. Der Schamane sah an ihm vorbei und sagte nichts. Ob er verstanden hatte, war nicht zu erkennen. Er holte Luft und sog den Qualm ein, vielleicht um anzudeuten, dass der Maler es ihm nachtun solle. Der Maler imitierte, atmete tief ein und stieß die Luft aus, ein neuer Hustenanfall war die Folge. Ein Windstoß blies ihm Kohlenfünkchen ins Gesicht. Sie blätterten ihm von der Haut ab. Der Magier zog jetzt eine Schachtel aus dem Umhang, wandte sich vom Wind ab und zündete die durchgeschnittene Cohiba an. Der Maler rauchte ohne nachzudenken. Nach dem dritten Lunger wurde ihm wundersam zu Mute. Er war das Nikotin nicht mehr gewohnt, die Umwelt löste ihre Konsistenz auf. Mit der Dunkelheit gewöhnte er sich an den Geruch des Zimmers, in dem er lange nicht gewesen war.
Er hatte plötzlich Zeit. Durch das Gewölbe zog sich eine Wäscheleine. In der Tür stand ein Motiv wie aus der Zeit, als er den Jaqci-Weg beschreiten wollte, besser: als er sich eingebildet hatte, ihn zu beschreiten. Der Maler griff nach Block und Bleistift in den Taschen seiner Jacke. Er griff daneben, fand nicht, was er suchte. Der Pfad, der durch sein winziges Bewusstsein führte, endete im Nichts. Die Kaktusblüte flatterte hindurch wie eine Motte mit zerfransten Flügeln. Das Cover mit dem grünen Männchen, das einen Kopf wie eine Christbaumkugel hatte, musste diesen Maler schwer beeindruckt haben, erklärte sich der Ghostwriter den Text. Das meiste strich er weg. Der Maler tastete nach seiner Taschenlampe in der Dunkelheit des Zimmers. Die Nachttischlampe krachte auf den Boden. Die Kohle in der Schüssel war verbraucht. Der Schamane hatte ihn gemustert. Die Zeremonie war offenbar beendet. Er sprach jetzt Spanisch und sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Er griff nach seinem Stab und hielt ihn vor sich hin. Zugleich hielt er die ausgestreckte Hand auf. Der Maler suchte in den Taschen seiner Jacke. Die Taschen waren leer. Er fummelte am Reißverschluss der Tasche, in der er seine Scheine aufbewahrte. Die Summe schien dem Mann zu klein, obgleich sie schon beträchtlich war. Er wiederholte etwas, das der Maler nicht verstand. Englisch? -fragte er. Ihm fiel ein, dass die Jungen ihre Zeremonie gar nicht bezahlt hatten. Der Schamane hielt weiterhin die Hand auf, das rechte Auge etwas zugekniffen. Peyote?- Der Maler hielt die Cohiba höher, die er in der Hand hatte. Der Schamane bewegte unmerklich den Kopf. Der Maler schwankte, als er wegging.

 

3

Er durchquerte das Strohdachareal mit seinem Angebot für die Tourismusindustrie. Mit der Ankunft der Kreuzfahrtschiffe hatte sich das Terminal in eine aus den Nähten platzende Versorgungseinheit für die vergreiste Zivilisation der Ersten Welt verwandelt. Durchsetzt von ein paar Jugendlichen und Familien mit Kindern schob sich die Menge in Turnhosen, Fahrraddress, Shorts, T-Shirts, luftigen Kleidern, Badelatschen, Sandalen und jeder Art von Freizeitkluft durch die überfüllten Läden. Das Angebot war bunt und quoll bis auf die Gänge: Ein Sortiment volkstümlich-touristischer Artefakte. Plastikmännchen in Uniform, die ein Gitarrenorchester dirigierten, die Maya-Stätten Bonampak,Tikal und andere als Spielzeugpuzzle, Handtaschen mit aztekischen Motiven, Lederschuhe, Gläser, Kerzen mit Emblemen, Maya-Götter aus lasiertem Ton, Qetzalcoatl, Huitzlipochtli und Xacxini aus Karton, Reiter mit Gewehr und Hut, Macchu Pichchu in der Form von Pappmaché, Teller mit dem Maya- Kalender, Frida Kahlo im bestickten Poncho, Jeans, Badelatschen, Stoffhüte turmhoch gestapelt, Tamburine und so weiter und so weiter. Plötzlich sah der Maler die Catrina Calavera. Sie war ein Püppchen, hing mit anderen Figuren an einer Schnur und trug ein Wollkleid.
Er blieb stehen und überlegte. Sollte er die Puppe kaufen? Die vier Freunde dürften sie nicht zu Gesicht bekommen. Ihr Humor war ziemlich ungezwungen. Der Maler hatte keine Tragetasche bei sich, aber der Laden würde eine Plastiktüte haben. Die Calavera war die Hauptfigur in Riveras Bild vom Sonntagnachmittag im Alameda, ein Element, das ihn beschäftigte. Die Puppe war nicht groß. Der Maler kaufte sich die Puppe. Als nächstes suchte er den Ausgang zu den Schiffen, da ihn das Tuten von den Piers her irritierte. Er sah auf seine Uhr. Er suchte In der Menge nach Gesichtern, die er kennen musste, sah aber keine. Er durchquerte den Havanna Club, den Diamantenhandel, wo Edelsteine in den Glasvitrinen glänzten, die Tequila-Restaurants mit hunderten von Etiketts und Flaschen auf Regalen, das Mass-Customization-Tea-Shirt mit den Ruinen von Chichén Itzá, die Silberwerkstatt, das Luxusuhrgeschäft, die Poolside-Bar, zu der man schwamm.
Ein kleiner Junge balancierte eine Muschel auf dem Kopf. Die Mutter kam dazu, der Junge weinte. An den künstlichen Teichen an standen die Flamingos starr wie auf Plastikbeinen. Auf einem Platz verrenkten sich halbnackte Männer, die wie Stachelschweine glänzten. Sie imitierten einen indigenen Kriegstanz als Touristenattraktion. Ein Greis im Fußballdress versuchte die Verrenkungen nachzuahmen. Er erregte die Begeisterung des Publikums. Damen, deren Korpulenz am Laufen hinderte, probierten Ohrgehänge und Brillanten. Die Verkäufer standen in der Nähe. Da geht mein Geld,-sagte ein Mann in Shorts mit stark behaartem Oberkörper. Der Maler warf einen Blick in einen der Läden, stutzte und blieb mitten im Schritt stehen. Die Verkäuferin im Eingang machte einladende Gesten. An der Rückwand des Geschäfts war etwas. Das Bild war ein Bekannter, es war das Mural Riveras, das den „Spaziergang am Sonntagnachmittag im Alameda-Park als Traum“, darstellt. Die Wirkung war magnetisch. Das Poster war drei Meter lang und etwa einen Mater hoch. Das Original ist fünfzehn Meter lang und gut vier Meter hoch. Der Maler hatte das Bild als Kind schon irgendwann gesehen, aber nichts verstanden. Die Phalanx seltsamer Personen, die sich auf den Betrachter zubewegt, hatte einen Eindruck hinterlassen, der nicht mehr wegzubringen war. Das bloße Ansehen hatte etwas ausgelöst, das sich später wiederholte. Die Dame mit dem Totenkopf und ihrer Federboa schien ihm besonders mysteriös. Sie blieb in seinem kindlichen Gedächtnis. Sie steht vorne in der ersten Reihe in der Mitte und zieht die Blicke auf sich. Ihr grauweißes Faltenkleid wird unten von einer Borte zusammengehalten. Ihr Schädel ist groß und auf absurde Art intim. Ein leicht idiotisches Gelächter scheint durch das Gesicht zu geistern, mit seinen leeren Augen, dem ausgefransten Mund mit den gespenstisch großen Zähnen. Um den Hals trägt sie eine Federschlange, deren Enden ihr bis an ihre Knie reichen. Außerdem besitzt sie eine Brille.
Links neben ihr steht ein Junge, dessen Hand sie in ihren skelletierten Fingern hält. Der Knabe blickt versonnen in die Weite. Der Maler erinnerte sich, dass er seine Hand betrachtet hatte. Die Personen links und rechts, oft sonderbar gewandet, wirkten wie Flügel der grotesken Hauptperson. Im Hintergrund erkennt man Kirchenkuppeln und sieht blutige Gestalten, die spitze Hüte tragen. Irgendwo brennt es. Vermutlich konnte der Maler damals noch nicht lesen. Später hatte er das Bild studiert. Mittlerweile kannte er die Bedeutung der Personen. Jedenfalls der Wichtigsten. Ohne links und rechts zu sehen ging er auf das Poster zu. Er sah erwartungsvoll auf die bewusste Stelle, wo die Dame stehen musste, also erste Reihe in der Mitte. Die Dame war nicht da. Wo sie hätte stehen sollen, klaffte eine Lücke. Der Maler starrte auf das Poster. Er trat näher, er umrundete die Vitrinen, die den Weg versperrten und stand nun dicht vor dem Bild. Aus der Nähe wirkten die Figuren überlebensgroß und waren von bestürzender Lebendigkeit. Die Hauptperson, die Catrina Calavera, blieb verschwunden. Der Maler rieb sich die Augen. Die skelletierte Hand, die das Selbstporträt Riveras als Junge hält, war noch vorhanden. Der Maler drehte sich zur der Verkäuferin herum. Die Frau beschäftigte sich im Hintergrund des Ladens mit Touristen. Der Maler wischte mit der flachen Hand über die Lücke, wo die Calavera hätte stehen sollen.
Die Verkäuferin stand hinter ihm schüttelte den Kopf. Der Maler versuchte das Spanisch zu aktivieren, an das er sich von einem Lernversuch erinnerte: Ob es sich um eine Karikatur handelte. Bezog es sich auf Mexiko und seine Gegenwart? Auf etwas in der Geschichte? Die Verkäuferin sah irritiert drein, sie betrachtete abwechselnd das Poster und den Maler, als ob sie einen leicht Verrückten vor sich habe. Ihr Englisch war für die Verständigung nicht ausreichend. Andererseits: wer hier das Publikum bediente, sollte sich in dieser Sprache auskennen. Der Maler redete, aber offenbar verstand sie nichts und interessierte sich auch nicht für das Problem.
Zuletzt schüttelte sie nur noch den Kopf und fragte, ob der Kunde etwas kaufen wolle. Im Text des Malers folgte eine Bildbeschreibung. Der Ghostwriter strich durch. Entscheidend war die Handlung, nicht das kunsthistorische Gerede. Die Figuren kannte außerdem kein Mensch. Auf dem Mural befinden sich über 80 Personen. Ein zusammengewürfeltes, undurchdringliches Gemenge der historischen Kalamitäten Mexikos. Der Maler wandte sich schon ab, als ihm in eine Veränderung der Gestalten links und rechts der Calavera auffiel. Sie schienen sich der Stelle zuzuneigen, wo sie fehlte. Die Kahlo beugte sich nach vorn, als ob sie in das Loch hinunter sehen wollte, das sich auftat. Das Ying und Yang in ihrer Hand fing an zu rutschen, der kleine Rivera beugte sich in die gleiche Richtung, die Hand der Kahlo auf seiner Schulter zog sich in die Länge. Der Frosch in der Tasche des Jungen hatte große Augen, der Regenschirm mit dem Geierkopf in der Hand des Knaben verzerrte sich nach rechts. Der Graveur Posada, der die rechte Hand der Calavera hält, schwankte nach links. Seine Angst vor dem Grünen Star befiel den Maler wieder. Das Tuten von den Piers her wurde lauter. Hatte er es überhört? Er sagte: Pe-du-do comprer?- hielt das für verständliches Spanisch und fragte, was das Poster kosten sollte. In Europa würde eine Reproduktion wie die hier nicht zu bekommen sein. Er hatte es schon wiederholt versucht. Die Verkäuferin schüttelte den Kopf. Das Bild gehörte ja zur Ausstattung des Ladens.

 

4

Der Maler trat zurück und stand auf einem Fuß. Hinter ihm stand eine Dame, die ungefähr so groß wie breit war. Der Maler entschuldigte sich. Ihr Leib hatte die Form eines mit Wasser gefüllten Luftballons, der sich nach unten weitet, und an den Seiten auseinanderquillt. Schweißperlen standen auf der Stirn der Frau. Ihre Augen schwammen in der Fleisch gewordenen Gesichtslandschaft. Die Dame sah auf einen grünen Stein, der am kleinen Finger ihrer rechten Hand hing. Der Maler zückte instinktiv sein Skizzenheft und begann zu zeichnen. Schließlich war er nicht aus Spaß auf Reisen. Er stand vor einem Motiv, das zu den interessantesten gehörte, die sich bisher angeboten hatten. Er fing umstandslos zu reden an, damit die Dame nicht verschwand. Ihm fiel der Franzose ein, der über dem Motiv die Begräbnisfeier seiner Mutter übersehen hatte: das Motiv. Er vergaß die Schiffssignale von den Piers. Die Dame sah entzückt auf ihren Edelstein, sie führte ihn an die gespitzten Lippen und hauchte etwas, das der Maler nicht verstand. Toll,- sagte er. Finden Sie?- Die Dame sollte bleiben, wo sie war. Wenn sie wegging, würde er ihr folgen. Passt genau zur Farbe Ihres Kleides: Himmelblau.- Die Dame schmunzelte. Der Ghostwriter strich den zynischen Geschmack aus dem Geschreibsel seines Kunden. Fettleibigkeit war für Gesellschaftskritik nicht das geeignete Motiv nach seiner Ansicht. Bitte noch ein Lächeln,- sagte der Maler. Das Gesicht der Dame verwandelte sich bei Heiterkeit auf eine Weise, die in der Skizze festzuhalten würdig war. Die Nase stand als winziges Relikt im Tal der Tränen, die Augen wie zwei Sternchen in der Fleischwüste, die Haare wie das Kornfeld im November.
Das ist ja alles paradiesisch hier,- hörte er sie sagen.- Die linke Hälfte des Gesichts war beinah fertig. Sein Bleistift huschte über das Papier. Später ließ sich alles auf ein größeres Format versetzen. Entscheidend war die Authentizität des Impromptus. Er warf einen Blick auf den Stein, den die Dame jetzt ins Licht des Ladens hielt. Finden Sie ihn schön?- Der Maler griff nach ihrer Hand, um noch mehr Sensibilität für sein Motiv zu haben. Gratuliere,- sagte er, um sein Verhalten zu erklären. Die Hand war fleischig, kalt und feucht. Green Fire.- Wie bitte?- Preisentscheidend bei den grünen Tönen ist die Leuchtkraft.- Was ist es denn für einer?- Ein Smaragd mit Treppenschliff, Herkunftsland Kolumbien.- Der Maler sah den Stein an. Wenn das ein Smaragd ist, bin ich Rumpelstilzchen-, sagte er und verschluckte, was er gesagt hatte, indem er hustete. Die Dame schien seine Bemerkung nicht gehört zu haben. Der Stein war grün wie Gras, er hatte die Form eines Sechsecks. Etwas Besonderes war ihm nicht anzusehen.
Der Maler blätterte die Seiten seines Blocks um. Später konnte man die Einzelteile des Gesichts zusammensetzen, indem man sie gegeneinander verschob. Ein Anflug von Surrealität. Wie teuer war er denn?-. Ziemlich,- sagte die Dame. Aha,- sagte der Maler. Warum ich ihn gekauft habe?- Sie richtete die wasserblauen Augen auf ihren Gegenüber. Um Ihren Mann zu überraschen?- Keineswegs,- sagte die Dame. Im Gegenteil, ich habe ihn gekauft, um ihn zu provozieren. Seltsames Motiv.- Der Maler zeichnete. Soll ich Ihnen noch was sagen? Mit größten Vergnügen,- sagte der Maler. Bitte nicht bewegen.- Ich habe den Verdacht, dass er die Reise unternimmt, um mit mir abzuschließen.- Uh,- sagte der Maler.- Die Dame sah zum Ozean hinüber.
An Bord des Schiffes sind 8000 Personen. Bei solchen Massen fällt das Verschwinden eines einzelnen nicht auf. Das Schiff macht eine Fahrt von 22 Knoten. In Minuten ist es von der Stelle meilenweit entfernt, wo es passiert ist.- Was denn passiert?-fragte der Maler. Er schmeißt mich über Bord. Wir gehen nachts auf Deck spazieren und er schmeißt mich runter. Ganz einfach. Sieh doch mal da unten, Tussi, -sagt er, ich trete an die Reling, er macht einen Schritt zurück und packt mich an den Beinen. Das Ganze dauert nur Sekunden. Es ist dunkel, Zeugen gibt es nicht.- Ich bitte Sie, Ihr Mann ist doch kein Mörder,-sagte der Maler und skizzierte. Das Schiff fährt unter dem Gesetz von Malta, Maltaflagge. Malta ist weit weg. Auf jeder dieser Fahrten gehen Leute über Bord, ohne dass viel aufgeklärt wird. Meine Frau hat letzte Nacht die Kabine verlassen,-sagt er. Hab geschlafen, keine Ahnung, was passiert ist.- Der Maler hatte aufgehört zu zeichnen. Über diese Aspekte einer Kreuzfahrt hatte er noch nicht nachgedacht. Ihr Mann ist doch kein Mörder,- wiederholte er. Gestern fiel mir ein, dass er in letzter Zeit von dem perfekten Mord gesprochen hat. Zum Beispiel? -habe ich gefragt. Ich bitte Sie, Sie sollten das entspannt sehen.- Der Maler zeichnete das rechte Auge.
Vor ein paar Tagen sagt er, liebes Tußchen, möchtest du nicht einmal nachts auf Deck spazieren gehen? Nein, aber vielleicht morgen oder nächste Woche, sage ich.- Der Maler wandte sich dem Ohr der Dame zu. Danach skizzierte er den Haaransatz über dem linken Auge. Wenn ich Geld ausgebe, wird er wütend. Schließlich ist man Konsument, nicht wahr? Soll ich kein Souvenir bekommen auf dieser letzten Reise?- Was malen Sie denn da die ganze Zeit? Darf ich mal sehen?- Die Dame nahm dem Maler seinen Block aus der Hand und erblickte das Gesellenstück ihrer Physiognomie in Einzelteilen. Aha, erklärte sie, genauso fühle ich mich auch.- Die Dame gab ihm seinen Block zurück. Wie teuer war denn der Smaragd?- fragte der Maler, um von dem Eindruck abzulenken, den sein Werk gemacht zu haben schien. Zweitausendvierhundertfünfzig.- Der Maler senkte seinen Block und

sah die Dame an. Dollar,- ergänzte sie. Es fragt sich, wann er es bemerkt. Er kontrolliert sein Konto auf der Reise wenig.- Bitte einmal um die Achse drehen,- sagte der Maler, der sich über nichts mehr wunderte. Wieso denn das?- Ich brauche Ihren Kopf von hinten.- Der Maler ging um sie herum, die Dame drehte sich mit ihm im Kreis. Er überlegte, ob er ihren Busen einbeziehen sollte. Allerdings verschwand er so am Leib der Frau, dass er kaum zu sehen war. Der Man im Laden sagt, er kann die Zukunft sehen.- Wer?- Der Smaragd.- Der Maler staunte über die Vertrauensseligkeit der Dame. Wie macht er denn das?-fragte er. Man muss zählen. Ich trage ihn am kleinen Finger, weil man so am besten zählt. Links anfangen, rechts aufhören.- Die Dame drehte den Ring an ihrem Finger hin und her. Der Maler nahm das rechte Auge ins Visier. Krabbelt dort ein Insekt? Der Maler starrte auf die Augenbraue. Die Frau begann zu zählen, sie schob die Finger ihrer Hand wie auf einem Rechenrahmen auf die Seite. Er bringt mich…. er bringt mich nicht…. er bringt mich… er bringt mich nicht….. Es geht immer anders aus. Ich habe mindestens schon zehnmal durchgezählt.- Sind Sie sicher dass das wirklich ein Smaragd ist?-fragte der Maler. Die Dame sah ihn an. Ich habe ein Zertifikat, erklärte sie.-
Man kann solche Steine bedampfen. Dann sehen sie besonders echt aus.- Glauben Sie, dass hier betrogen wird?- Der Maler zeichnete. Unter dem Schlot fiel mir einmal Ruß auf beide Arme. Unter Deck sind lauter Filipinos. Billigarbeitskräfte. Ich habe mit einem gesprochen, der sich nach oben verirrt hat. Er erzählte mir, was er verdient. Auf welchem Dampfer reisen Sie?- Ocean Adventure.- sagte der Maler. Die Dame befühlte den Smaragd. Ich frage Sie im Ernst: Kann man jemanden wie mich für längere Zeit ertragen oder sogar lieben? -Wie meinen Sie das?- Ich meine, kann ein Mann sich mit einer Frau wie mir gewissermaßen länger anfreunden? Bedenken Sie mein Aussehen.- Gar keine Frage,- sagte der Maler.
Er überlegte.- Dann sagte er…:- der Ghostwriter und strich, was er sagte, aus dem Heft. Er fand es inadäquat. Später setzte er es wieder ein, weil ihm nichts Angebrachtes einfiel. Während er sprach, setzte der Maler seine Skizze fort. Die Antwort war so hingesprochen, er hatte sich nicht viel dabei gedacht, vielleicht war sie im Tonfall etwas burschikos. Die Dame richtete ihren Blick auf ihn. Eine Pause entstand. Plötzlich trat sie dicht an ihn heran, holte mit dem rechten Arm kurz aus und gab ihm eine Backpfeife, dass ihm der Block aus der Hand rutschte und die Touristen im Laden sich nach der Szene umwandten. Ich gebe Ihnen Recht, es sind die Einzelteile.- Die Dame machte auf dem Absatz kehrt und trippelte davon. Der Maler hob seinen Block auf und sah ihr nach. Er wandte sich erneut dem Poster zu. Die Figuren standen wieder in der Reihe. Die Catarina Calavera fehlte immer noch. Ihm war eingefallen, dass vorne links im ersten Viertel des Mural eine Wünschelrute auf dem Boden liegt. Angeblich bietet sie den Schlüssel zur Erklärung für die Ordnung der Figuren. Er fand sie nach einigem Suchen. Sie liegt vorne vor dem schlafenden Indigenen auf dem Boden. Mit der Gabel zeigt sie auf die Mutter mit dem Kind.

 

5

Der Maler ging aus dem Geschäft und suchte nach dem Ausgang aus dem Terminal. Das dumpfe Tuten von den Piers ertönte pausenlos. Die Menschenmenge schob sich durch die Kolonaden. Die Beschilderung zur Orientierung war nicht hilfreich. Im Delphinarium kletterten die Kinder auf den Rücken der Delphine. Zwei Männer In Zivil traten auf den Maler zu. Sie sprachen ihn zuerst auf Spanisch an und dann auf Englisch. Einer war kurz und stämmig mit großem Kopf, platter Nase und Igelschnitt, der Zweite hager und nervös mit käsiger Gesichtshaut und messerscharfen Lippen. Der Maler war in Eile. Was wollten die von ihm? Sie führten ihn in einen Raum, in dem ein Stuhl, ein Tisch und darauf ein Rechner standen. Licht kam durch ein Fenster in der Decke. Der Raum sah einer Zelle nicht ganz unähnlich. Der Maler hatte Zeit verloren. Sein Schiff steche in kurzer Zeit in See und setzte seine Reise fort nach Kuba. Bitte!- Wollten die Herren dafür verantwortlich sein, dass er sein Schiff verpasste? Er sah auf seine Uhr, die Männer sahen ebenfalls auf ihre Uhren. Alles würde schnell gehen. Keine Sorge. Der Maler wurde aufgefordert, sich zu setzen und sich auszuweisen. Da man auf Kreuzfahrtreisen seinen Pass abgibt, hatte er sich ein zweites Exemplar besorgt und den ersten als vermisst gemeldet. Er zeigt er seinen Ausweis vor. Die Männer nahmen seine Personalien auf und übertrugen sie in das Gerät.
Im Hintergrund ertönten die Signale. Der Maler erklärte auf Englisch, dass er sich beeilen müsse. Die Beamten stimmten zu: Kein Problem.- Zeit genug. Kannten sie die Abfahrtszeiten seines Schiffs? Der Maler wurde aufgefordert, seine Taschen auszuleeren. Schlüssel, Smartfon, Münzen, Scheine, Bleistiftstummel, Bordkarte, Blocks, Automatenkarten, Pfefferminz, Kuchenkrümel, Teile eines Plastikmessers, mit dem er seinen Kuchenstücke aufgeschnitten hatte, Bleistiftminen, Pinselhaare, die Cohiba. Er hatte seine Taschen lange nicht geleert. Der Maler wurde aufgefordert, seine Schuhe ausziehen. Die Beamten fuhren mit den Händen hinein und verbogen die Sohlen. Einmal kurz den Mund,- sagte der Große, an dessen Nase sich die Feuchtigkeit abzeichnete. Er öffnete den Mund. Der andere begutachtete das Inventar, das auf dem Tisch lag, er nahm Teile des Plastikmessers und versuchte sie zusammenzusetzen, als könne er damit ein Rätsel lösen.
Der Maler überlegte, ob er protestieren konnte oder sollte. Mit der mexikanischen Sicherheit wollte er sich nicht anlegen. Er öffnete den Mund und grimassierte. Der Beamte leuchtete mit einer LED-Lampe hinein. Schließlich musste er die Hose fallen lassen und stand nun in Boxershorts vor den Beamten. Sie zogen den Gürtel heraus und bogen ihn hin und her. Sie interessierten sich für die Zigarre. Der Hagere bröckelte sie auseinander. Er zerbröselten die Krümel, nahm sie in den Mund, kaute und spie sie auf den Boden. Der Beamte mit dem Igelschnitt fragte, auf welchem Schiff der Maler fahre und ob er die Cohiba dort erstanden habe. Der Maler sagte Ja.- Die Beamten wechselten einen Blick. Das Gesicht des Mannes mit dem großen Kopf wich plötzlich rückwärts und sah winzig aus. Die Zunge kam heraus und auf ihr lagen Augen. Großartiges Motiv. Genau wie damals. Das Ganze dauerte Bruchteile von Sekunden. Dann war es verschwunden. Der Maler starrte den Beamten an. Mein Schiff! -schrie er und reckte den Arm in Richtung der Piers. Der große Kopf trat einen Schritt zurück. Der andere Beamte verließ den Raum. Der Maler wurde aufgefordert, einen Text zu unterschreiben. Er unterschrieb unleserlich, raffte sein Zeug zusammen und stürzte aus dem Raum. Er wurde nicht zurückgehalten.

 

6

Im Terminal stieg er auf eine Mauer, um sich zu vergewissern, was auf den Piers vorging. Sie schienen sehr weit weg. Es würde knapp, bemerkte er, als er die Lage überblickte. Die Ocean Adventure mit ihren stumpfen Anstrich lag in der Sonne der Karibik wie eine Fata Morgana. An den quer gebauten Anlegern hatten zwei weitere Kreuzfahrtschiffe festgemacht. Der Maler kniff die Brauen zusammen und traute seinen Augen nicht: die Dame, sein gewichtiges Modell, war die Hälfte einer Gangway hochgeklettert, deren eines Ende in der Luft hing, da sie eingezogen wurde. Sein Modell hing etwa in der Mitte. Die Gangway schien sich unter dem Gewicht der Dame zu verbiegen. Zwei Mitarbeiter in weißem Dress krochen unter Verrenkungen auf die Dame zu, die sich mit überraschender Behändigkeit die Leiter hocharbeitete, und zogen sie an Bord. Die anderen Gangways hingen in der Luft. Eine war noch ausgefahren. Vor den Augen des Malers fing es an zu flimmern. Aus der Distanz war schwer zu schätzen, ob ein Spurt noch helfen würde. Auf dem Anleger strömte ihm die Menschenmenge entgegen, die aus dem Bauch der nächsten Kreuzfahrtschiffe quoll.
Der Maler kämpfte sich durch die Gestalten. Man fühlte sich an eine Völkerwanderung erinnert, die in Freizeitkleidung stattfand. Er wich den Passagieren aus, so gut es bei dem Tempo ging, das nötig war, wollte er sich nicht den Vorwurf machen, zu langsam gewesen zu sein. Die Menschenmenge verfolgte seinen Spurt mit sportlichem Interesse, man wich ihm aus, trat beiseite, öffnete eine Gasse. In einer Dame meinte er die Kassiererin seines Supermarkts zu erkennen. Schon wollte er sie grüßen, aber sie starrte so missmutig vor sich hin, dass er es unterließ. Die Hitze wurde tropisch, das Wasser lief ihm in die Augen. Er hatte seine Brauen wieder stark beschnitten, der gleiche Fehler wie beim letzten Mal. Er entschuldigte sich unablässig, riss einen Rollator auf die Seite, lief in eine Frau hinein, zog Kleidungsstücke mit sich, hing an einem Sonnenschirm, sah in entsetzte Mienen, rannte ein Kind um, hörte das Geschrei der Mutter und kam außer Atem.
Die Anstrengung in der Hitze der Karibik war er nicht gewohnt. Das Tempo würde nicht zu halten sein. Das Poster, das er zu einem hohen Preis der Verkäuferin noch abgeschwatzt hatte, knatterte im Wind, da die Verschnürung abgegangen war. Sein Schmerbauch schwabbelte und hinderte ihn am Vorwärtskommen. Schinken, Sahnetorten, Brötchen, Eis, Spirituosen hatte er wahllos verspeist: dem Überangebot an Bordverpflegung hatte er nicht widerstanden. Bewegte sich das Schiff bereits? Er stolperte über einen Turnschuh, rappelte sich hoch, jemand half ihm auf, er hörte beschwichtigende Worte. Der Sekundenzeiger seiner Uhr stand still. Auf der Mole wurde es noch enger in der Menge. Welche Massen fassten diese Schiffe! Sollte ein Atomkrieg ausbrechen, würde er auf einem dieser Kästen Zuflucht suchen. Vielleicht wurden sie zu diesem Zweck gebaut. Rhythmisches Klatschen war zu hören und Beifall wie auf einem Sportplatz. Das schien ihm zu gelten, seinem Endspurt, bekannt als Pier Running. Als er die Wasserkante erreicht hatte, betrug der Abstand zwischen ihm und dem Schiff circa einen Meter. Eine der Gangways hing noch in der Luft, allerdings sehr weit oben. Der Schiffsrumpf ragte vor ihm auf wie eine Steilwand, Sekunden überlegte er zu springen. Unten gurgelte das Wasser, aufgewirbelt von der Schiffsschraube: Sumpfig grün, graugelb und käsig. In großer Trägheit löste sich das Schiff vom Kai und drehte Richtung Norden. Der Schlot mit seinen auswärts gebogenen Düsen stieß Rauch in fetten Schwaden aus.
Die Hitze wurde infernalisch. Halt!- schrie der Maler, er wedelte mit den Armen, während ihm der Schweiß in Strömen in die Augen lief. Halt! Schließlich habe ich bezahlt! Gottverdammt !Anhalten!!- Die Passagiere standen in langen Reihen an der Reling und filmten seinen Abschied. Vermutlich ging er bald auf whatsapp um den Globus und würde dann im Netz zu sehen sein. Wer zu spät kommt…,- rief jemand. Zurück!-schrie der Maler. Es war zu spät. Einer der Passagiere zeigte einen Vogel. Die vier Freunde standen an der Reling. Sie gestikulieren, er hörte sie rufen, aber es war nichts zu verstehen. Da stand ihr Spaßonkel auf der Pier und japste. Das Hemd klebte ihm am Körper. Ihm wurde heiß und kalt und wieder heiß. Er sah zu den Achterdecks, wo in der Tiefe der Aufbauten seine Kabine liegen musste. Seine Skizzen fuhren ohne ihn nach Kuba. Lutz tänzelte von einem Bein auf das andere. Wir gehn zum Kapitän! Wenn das Ding nicht umkehrt, bricht die Meuterei aus. Die Vier verschwanden von der Reling. Die Männer, die die Vertäuung der Ocean Adenture gelöst hatten, standen auf der Pier und beäugten ihn mit freundlicher Anteilnahme. In einer Öffnung über dem Wasser erschien Schiffspersonal und vollführte bedauernde Handbewegungen. Man rief etwas, das von den dröhnenden Signalen des dritten Kreuzfahrtschiffs übertönt wurde. Cetumal…. Flugzeug …Bus…-
Manche Passagiere an der Reling winkten ebenfalls. Der Maler meinte Ingo und Monika zu sehen, sie Lehrerin, er arbeitslos. Sie führten Tagebuch über ihren sexuellen Umgang, Volker und Merula, er Bibliothekar, sie kellnerte, erwartete ein Kind, Roland und Christine, älteres Ehepaar, das überwiegend aß und sich zerstritt, Harmonia und Joaquin, die Reise ihrer Trennung, Solvey, Hans und wie sie hießen. Der alte Herr, mit dem die Freunde unterwegs waren, saß regungslos in seinem Rollstuhl. Manche hatte er flüchtig skizziert. Er erfuhr Details. Entscheidend war aber die Physiognomie. Und dort- war das nicht sein Modell? Der Maler versuchte etwas zu erkennen. Zeigte es ihm eine Nase? Das vierte Kreuzfahrtschiff ließ seine dröhnenden Signale hören.
Er war dehydriert, ihm wurde schwarz vor Augen, er setzte sich und hielt den Kopf zwischen die Knie. Seine Kehle war staubtrocken. Mechanisch befühlte er die Taschen seiner Fliegerjacke. Pass, Scheine, Visa, Smartfon und so weiter. Sein Gepäck fuhr ohne ihn nach Kuba. Er wollte seinen Freunden winken, hob den Kopf, sah sie aber nicht mehr an der Reling. Aus den Skizzen, die er angefertigt hatte, sollte ein Tableau werden. Der Titel „Arche Noah“ stand noch nicht fest. Die Badeanstalt auf dem Schiff hatte Anschauungsmaterial in Fülle hergegeben. Die Bäuche reizten ja zu schwungvollen Linien. Seine Blätter hatte er in einer Mappe aufbewahrt. Die Idee war noch nicht ausgereift, die Skizzen waren nur ein Anfang. Philipp, Lutz und Kevin erschienen wieder an der Reling. Das Smartfon in der Brusttasche des Malers klingelte. Er fummelte es heraus und legte sich auf den Boden, um seinen Kreislauf zu verbessern. Philipp schrie und fuchtelte mit den Armen. Sie haben uns nicht vorgelassen. Rache ist Blutwurst! Notfalls übernehmen wir das Schiff…- Die Leitung wurde unterbrochen. Lutz und Philipp redeten zugleich. Hallo?… Cozmel…und dann Bus …-Die Ocean Adventure entfernte sich mit wachsender Geschwindigkeit vom Kai. Die Leitung funktionierte kurz, dann brach sie wieder ab. Der Maler hörte Philips Stimme, Lutz und Kevin schrieen durcheinander. Cozmel ist ne Insel. …Bus im Terminal!- Die Verbindung riss. Cancun!- rief jemand dazwischen. Flugzeug!- Die Verbindung kam zurück. Klar..?- Jemand blies auf einer Stadiontrompete. Eine Borddurchsage zerfiel in ihre Echos. Im Smartfon Kevins drückte jemand seine Anteilnahme aus. Man hörte Bordmusik. Ein Pärchen tanzte an der Reling.

7

Das Mädchen weiter vorne auf der Pier war klein und zierlich. In seinem filigranen rosa Tüllkleid mit Blümchenmuster und gelben Schuhen mit Katzenschnurrbart sprach es in sein Smartfon. Es sah müde aus, als hätte es sehr lange nicht geschlafen. Sein Gesicht war rund und etwas formlos. Es schien äußerst jung zu sein. Das Kinn war klein und spitz. Auf der Unterlippe saß ein Piercing. Die Pupillen oszillierten zwischen etwas, das aus dem Abstand schwer erkennbar war, sein Gesichtsausdruck schien dem Maler seltsam störrisch und zugleich von somnambuler Friedfertigkeit. Im Mund war etwas, auf das gebissen wurde. Das ungekämmte gelbe Haar stand strohgelb in einem Wust vom Kopf ab und löste sich in Strähnen auf, die die vom Wind verwirbelt wurden. Neben ihm stand ein Seesack auf der Pier. Hatte sie auch das Schiff verpasst? Ihr Smartphon war auf laut gestellt, die Stimme eines Mannes war zu hören.
Warum bist du nicht an Bord?- schrie die Stimme. Das Mädchen sagte etwas, das der Maler nicht verstand. Ich frage, warum bist du nicht an Bord? Was geht hier vor? Bist du verrückt geworden?- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Auf einem der Decks war eine Gestalt zu erkennen, die sich von den anderen abhob, da sie erregt gestikulierte. Mit erhobenem Arm ballte sie die Faust. Das musste der Mann sein, der im Smartfon brüllte. Die Personen an der Reling wurden kleiner. Gleich darauf kam eine weitere Gestalt zum Vorschein, die ebenfalls gestikulierte, eine Frau. Eure Freakshow fährt jetzt ohne mich zum Teufel,- sagte das Mädchen. Was?-schrie die Männerstimme. Schöne Grüße an die einarmige Mumie von Kapitän und die Clowns auf dem Oberdeck.- Was?- Die Gestalt an der Reling wedelte mit den Armen. Grüße an die Kakerlaken und den Hotzenplotz im Motorraum,- sagte das Mädchen. Mexiko, das ist das Land der toten Frauen,- hörte man die Frauenstimme. Du bist so gut wie tot!- Was hast du vor? Was soll das? -schrie der Mann. Und wir dachten, sie wäre geheilt.- So gut wie tot,- wiederholte jemand, der sich der Debatte anschloss. Direktion!-schrie die Männerstimme. Das wäre ja gelacht!- Das Schiff kehrt um, wir holen dich an Bord, verrückte Kreatur!- Erklärung an den Clown vom Dienst,- sagte das Mädchen: Ich fahre nicht mehr mit. Meine Reise ist zu Ende. Ich bin am Ziel.- Terminal! Costa Maya,- schrie die Männerstimme. Jemand wird vermisst, Polizei!- Der Tod ist groß im Land der alten Mexikaner,- sagte jemand. Und minderjährig ist sie obendrein!- rief die Frauenstimme. Sie schrie aus Leibeskräften, die Stimme überschlug sich. Eine Bemerkung über Leichenfunde kam in Gang.- Der Rest der Rede ging im Lärm der Schiffssignale unter. Im Verhältnis zur Bevölkerungsgesamtzahl spielt das keine Rolle,- sagte jemand. Das weiß ich,- schrie der Mann, der offenbar der Vater war. Gute Nacht und gute Reise ins Nirwana,-sagte das Mädchen.
Es hielt sein Smartphon in den Wind. Aus der Entfernung klang das Schreien wie Gezeter. Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack, es war ein Tischtuch aus dem Speisesaal der Ocean Adventure. Der Maler erkannte es am Muster. Das Mädchen faltete das Tischtuch auseinander. Es flatterte im Wind und drohte weg zu fliegen. Das Mädchen drehte sich im Kreis und winkte. Der Wink schien ihm zu gelten. Als der Maler stand, wurde ihm schwindlig. Der Horizont fing an zu rotieren. Das Mädchen winkte noch einmal. Galt das ihm? Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Der Maler kam heran. Merkwürdige Erscheinung. Im Text des Malers fanden sich Beschreibungen, die der Ghostwriter als geschmacklos durchstrich. Allerdings fiel ihm erst einmal nichts Besseres ein. Bitte halten Sie das Tuch vor mich, sagte das Mädchen, ich zieh mich um, Garderobe.- Den Kopf zur Seite.- Der Maler nahm das Tischtuch in Empfang, das es mit ausgestreckten Armen hinhielt. Unten mit den Füßen,- sagte das Mädchen.
Der Maler hielt das Tuch hoch und stellte sich mit den Füßen darauf, so dass es nicht mehr flatterte. Das Tuch stellte sich waagerecht. Der Maler sah das Piercing auf der Lippe und starrte es an. Ist so etwas nicht ungesund?-wollte er fragen. Die Lippen waren seltsam rauh. Nicht glotzen,- sagte das Mädchen. Den Kopf zur Seite.- Sein Smartfon klingelte. Der Maler ließ das Tischtuch los, das augenblicklich wegflog. Er rannte hinterher und bekam es am Ende der Mole zu fassen, kurz bevor es ins Wasser schoss. Im Smartfon meldete sich Wolfgang. Meuterei!-rief eine Jungenstimme. Wir setzen die Kiste auf Grund!- Das vierte Kreuzfahrtschiff war jetzt vertäut. Die Gangways fielen auf den Kai. Die nächste Menschenmenge kam herunter und bewegte sich in Trecks zum Terminal. Dazwischen fuhren Wägelchen wie aus einem Spielzeugladen. Es herrschte Hochbetrieb. Aus dem Handy des Mädchens kam eine Männerstimme, die in ein anderes Smartfon sprach. Wen darf ich melden?- fragte jemand, der undeutlich zu hören war. Man hörte einen Namen. Das Mädchen zog das Tüllkleid über den Kopf, knüllte es zusammen und stopfte es in den Seesack. Es ging so schnell, dass der Maler kaum etwas mitbekam. Unter dem Kleid kamen eine Jeansjacke und eine sandfarbene Kargohose zum Vorschein. Am Gürtel hing ein Karabinerhaken. Das Mädchen zog die gelben Schuhe aus und holte zwei Lederhalbschuhe mit Stahlkappen aus dem Seesack. Der Wind riss das Tischtuch in die Höhe. Bitte die Füße unten drauf.- sagte es und sah den Maler tadelnd an. Und den Kopf zur Seite.- Im Smartfon meldete sich der Hundebuttler der Ocean Adventure. Im Hintergrund ertönte das Gebell von Hunden. Ich verbinde,- sagte eine Stimme, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich will nicht die Hunde,- schrie die Männerstimme, sondern die Kreuzfahrtdirektion! Auf welchem Deck?- fragte eine Stimme, die nicht die des Hundebuttlers war. Das Mädchen kicherte. Es zog mit aller Kraft an seinem gelben Haarwust. Mit Entsetzen sah der Maler zu. Die Mähne kam herunter und landete auf der Pier. Darunter kam ein Pottschnitt grün gefärbter Haare zum Vorschein. Die Verwandlung war so vollständig, dass das Mädchen kaum noch zu erkennen war.
Die Schuhe,-sagte es. Wohin damit?- Wenn Sie möchten, nehme ich sie an mich.-Der Maler wusste nicht, warum er das jetzt sagte. Was wollen Sie damit? Ich werfe sie ins Meer,- sagte das Mädchen. Mein Abschiedsgeschenk an die Kreuzfahrt.-Dann kommen sie vermutlich irgendwann bei Grönland oder bei den Eskimos raus.- Wollen Sie sie herumtragen? Wie man hört, malen Sie.- Der Maler staunte. Woher wissen sie denn das?- Bei der Wasserrutsche hab ich Sie gesehen. Ich stand über Ihnen oben auf dem Deck. Das Labyrinth aus Blech hab ich durchquert, es bestätigt jedes Vorurteil. Ich war danach war so deprimiert, dass ich nur noch schlafen wollte.-
Aus dem Smartfon kam ein Lärm, als schlage man mit Schuhen auf die Reling. Lawnkeeper, sechstes Deck,- rief jemand. Die Stimme flatterte im Wind. Morgen um elf Uhr Picknick auf dem Oberdeck. Der La- La- Lawn ist knackig präpariert. Verbinde.-Der Bierbrauobermeister war der nächste in der Leitung. Die Chemie kommt…. die Chemie kommt nicht… in meinem Bier….- Kreuzfahrtdirektion!-hörte man die Männerstimme schreien. Moment mal,-sagte jemand anderes. Die Leitung knackte. Wen darf ich melden?-fragte eine Frauenstimme. Einen Hund Felizitas mit Namen gibt es nicht an Bord,- meldete der Hundebuttler sich zurück. Zur Hölle mit euren Hunden!- schrie die Männerstimme. Kindchen, warum bist du nicht an Bord?- fragte die Frauenstimme. Das ist die Kinderfrau vom sechsten Deck,- sagte das Mädchen. Sie hat auf mich aufgepasst wie auf ein Baby. Sagen Sie ihr, dass ich nicht weiter mitfahr.- Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass das die Dame nicht mehr mitfährt,- meldete er pünktlich.
Kindchen, was ist los? Hat es dir an Bord denn nicht gefallen? Wir haben alles was, das Herz begehrt. An Bord herrscht Luxus pur ganz wie zuhause. Wir sind das Paradies der Meere.- Sagen Sie der Frau, mit ihrem Pipifax und ihrem Kindergarten soll sie mich in Ruhe lassen. Das Mädchen hielt dem Maler das Smartfon hin. Ich soll sagen, dass sie Sie in Ruhe lassen sollen, mit Ihrem Pipifax und Ihrem Kindergarten,- meldete der Maler. Kindchen, hast du vielleicht ein kleines psychologisches Problem? Ist gar nicht schlimm, das haben wir doch alle hin und hin und wieder. Hör zu, ich erkläre dir, wie du zurückkommst…. Du nimmst den Bus nach….Hallo?- Ich soll sagen, dass Sie In Ruhe lassen sollen,- wiederholte der Maler.- Aber Schätzchen, ist doch alles wie zuhause! Hör zu, du fährst nach Playa Carmen mit dem Bus…von dort aus….Cozumel, die wunderschöne….- Hallo?- Augenblick mal,- sagte eine andere Stimme. Noch zehn Minuten bis Buffallo, rief jemand dazwischen. Sagen Sie ihr, dass ich nicht zu dieser Insel fahre.- Ich soll sagen, dass sie nicht zu dieser Insel fährt, erklärte der Maler.
Die Nany sog den Atem durch die Nase. Sie verlor hörbar die Geduld. Ich sehe, du hast plötzlich grüne Haare. Wir haben Färbekurse für die Dame! Dazu bekommst du gratis eine Wohlfühlmassage in der Ayurveda Lounge.- Sagen Sie ihr, dass ich diese Lounge nicht betreten werde!- Ich soll sagen, dass sie diese Lounge nicht betreten wird,- sagte der Maler. Als nächstes hörte man die die Männerstimme, die ins Handy schrie. Schreien Sie nicht so,- sagte die Chefnany. Ihre Tochter ist kein Wickelkind.- Im Smartphon des Malers meldete sich Wolfgang. Die Leitung riss ab. An Land ist ne Security, sagte Philipp. Man erwartet euch.- Der Maler sah zum Schiff hinüber. Der Vater des Mädchens beobachtete jetzt die Pier mit einen Fernrohr. Ich war im Knast, sagte das Mädchen. Da wird die Post kontrolliert.- Wer ist denn dieser Typ da auf der Mole neben ihr?- fragte eine jugendliche Stimme, die bisher noch nicht zu Wort gemeldet hatte. Kein Zweifel, Watson, das ist der Zuhälter von ihr,- sagte eine andere Stimme. Das Mädchen sah zum Schiff hinüber, wo die Gestalten jetzt schon winzig wurden. Meine Brüder. Auf den Schulhof haben sie gekokst.- Auf dem Schulhof haben sie gekokst,- sprach der Maler in das Handy. Das Mädchen hielt ihm die Hand vor den Mund. Am Horizont ertönte neues dumpfes Tuten. Ein fünfter Kreuzfahrtdampfer zeichnete sich ab.
Im Dschungel wird sie auf die Überständer krabbeln. Ich hab´s geahnt! Die Tarnfarbe hat sie schon drauf.- Dann kann sie uns ja auf die Köpfe machen,- sagte die andere Stimme.- Aufbruch zur Mission der Brüllaffen! Wenn du oben bist, schick uns ne Ansichtskarte.- Das Mädchen bückte sich und holte etwas aus dem Seesack. Es gab dem Maler einen Marker. Bitte malen Sie mir etwas ins Gesicht, eine Maske oder sowas. Wahrscheinlich gibt es irgendwo Gesichtserkennung. Sonst komme ich womöglich nicht aus diesem Getto raus.- Der Maler nahm den Marker in Empfang und fing an zu malen. Etwas näher,-sagte er. Er malte Ringe um die Augen, tönte die Innenflächen, ließ in der Mitte weiße Punkte frei und zog einen breiten Streifen über die Mundpartie. Er färbte die Nase schwarz und machte darauf aufmerksam, dass er als nächstes mit dem Finger die Farbe an bestimmten Stellen wieder ausradiere, um die Zähne zu markieren. Das Mädchen hielt die Augen geschlossen. Es ging voran. Es fehlte noch das Kinn. Als er fertig war, trat er zurück. Er war nicht unzufrieden mit dem Resultat. Das Mädchen suchte einen Taschenspiegel aus dem Seesack. Ob es mit dem Werk zufrieden sei, fragte er. Das Mädchen sagte ja. Die Maske hatte Ähnlichkeit mit dem Kopf der Catrina Calavera auf dem Mural Riveras. Würden Sie mir auch Ihr Käppi leihen?- war die nächste Frage. Meine Haare sieht man meilenweit. Ich sollte sie nicht färben, das war eine Dummheit.-Der Maler zögerte. Das Käppi war sein Lieblingsstück. Er trug es, weil keine andere Kopfbedeckung zu ihm passte. Es war rot und blau und hatte ein festes Band, so dass es auch bei starkem Wind nicht abfiel. Die Aufschrift war in Schwedisch.
Der Maler nahm das Käppi ab und übergab es. Das Mädchen setzte es auf und zog es ins Gesicht. Sie bekommen es zurück, sobald ich von hier weg bin.-Der Maler überlegte, wie die Logik dieser Aussage zu interpretieren war. Mein Poster!-schrie er. Da vorn,- sagte das Mädchen. Der Maler sah sich um. Das Poster lag mit einem Stein beschwert am Rand der Mole. Jemand musste darauf Acht gegeben haben. Der Maler lief. Als er auf das Wasser sah, erblickte er das Tüllkleid und die strohgelbe Perücke. Sie hatten sich schon ziemlich weit entfernt. Die Ocean Adventure ließ zum Abschied die Signale dröhnen. Der Maler sah zum Schiff. Die Personen an der Reling waren zu Winzlingen geschrumpft. Der schreiende Mann telefonierte, mit der anderen Hand hielt er das Fernrohr über seinen Kopf. Die Beamten würden an der Stelle stehen, wo die Pier ins Ufer überging. Dort war der Flaschenhals, der die Passagiere überprüfbar machte. Der Maler hielt nach ihnen Ausschau. Es waren dieselben, die ihn sein Schiff hatten verpassen lassen. Laufschritt,- sagte er. Der Maler und das Mädchen gingen schneller. Sie schlossen sich einem Pulk an, wo die Menge am dichtesten war und besonders viele Kinder liefen. Die Beamten waren in ihrem schwarzen Outfit aus der Entfernung zu erkennen. Der mit dem großen Kopf telefonierte in sein Smartfon. Sie musterten die Passagiere. Das Mädchen griff die Hand des Malers. Wenn sie etwas fragen, sagen Sie kein Wort, stellen Sie sich dumm. Sie verstehen nichts. Sie sind meine Frau. Ich habe Sie vom Schiff geholt.- Das Mädchen sagte nichts, seine Hand war kalt. Eine der Passagierinnen trug einen Sonnenschirm. Der Maler das Mädchen hielten sich dicht hinter ihr. Die Beamten ließen sich nicht täuschen. Der Hagere fasste sie, das Ohr am Smartfon, schon ins Auge. Er winkte sie heran. Das Mädchen zog das Käppi ins Gesicht.
Im Näherkommen starrte der Maler die Beamten einfach an. Nicht unverschämt, aber fest und unverwandt. Die Devise: Niederstarren.- Die Beamten mussten wissen, wen sie vor sich hatten. Sie mussten sich an ihn erinnern. Ihr Übereifer konnte für die Tourismusindustrie des Landes keine gute Werbung sein. Es war auch nicht geklärt, ob sie das Recht hatten, die Personalien des Mädchens festzustellen. Auf Englisch fragten sie, wer das Mädchen sei, ihr Name. Der Maler starrte sie nur an. Das Mädchen folgte seinem Beispiel und starrte die Beamten ebenfalls nur an. Als der mit dem großen Kopf nach ihrem Käppi greifen wollte, hielt sie es fest.
Die Beamten überlegten, sie tauschten Bemerkungen auf Spanisch aus. Sie schienen unschlüssig. Im Smartfon schien der Mann vom Schilf zu sprechen. Die Beamten wiederholten ihre Frage. Sie fragten nach dem Pass des Mädchens. Die Methode schien Erfolg zu haben. Der Maler starrte den Beamten in die Augen. Das Mädchen orientierte sich an ihm und tat das Gleiche. Nicht mit der Wimper zucken,-sagte er. Nach wiederholter Ansprache, Fragen nach dem Pass und einem Starren ohne Antwort wuchs die Menschenmenge hinter ihnen. Der Flaschenhals war schmal. Die Ausweichmöglichkeiten waren kompliziert, links und rechts der Mole schlugen schaumgekrönte Wellen auf den Strand, Rufe wurden laut. Man wurde ungeduldig. Die Telefonverbindung zur Ocean Adventure schien nicht gut zu sein. Der hagere Beamte schüttelte sein Smartfon und übergab es an den mit dem großen Kopf. Er sprach hinein, aber eine Antwort schien nicht durchzudringen. Die Ocean Adventure war hinter den neu angekommenen Schiffen verschwunden. Die Menge staute sich. Es wurden Rufe laut. Die Menge schob den Maler und das Mädchen wie auch die Beamten langsam in das Terminal hinein. Die Beamten gingen rückwärts, was der Wahrheitsfindung auch nicht dienlich war. Im Terminal herrschte der gleiche Hochbetrieb wie vorher. Die Flamingos standen starr auf ihren roten Beinen, die Krieger tanzten ihre Tänze.

 

8

[Fortsetzung folgt]

 

Text plus Circumstance

Text plus Circumstance

Texte: © Claus Hebell

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